Juli Zeh: „Das Internet wird zum Tool für eine gegen sich selbst gerichtete Hetzjagd“

Die moderne Gesellschaft erliegt ihrem eigenen Stress – mit diesem Bild starteten die Teilnehmer des Panels „Der moderne Lebensstil - So leben die Menschen heute“ auf dem Sparkassentag in ihre Diskussion.

Juli Zeh: „Das Internet wird zum Tool für eine gegen sich selbst gerichtete Hetzjagd“

Junge Menschen, die mitten im Leben stehen und denen es sehr gut zu gehen scheint, leiden plötzlich unter Burnout. Den Familienvater mit festem Job, der gerade sein Eigenheim renoviert hat, ereilen Panikattacken. Die Gesellschaft erliegt ihrem eigenen Stress – mit diesem Bild starteten die Teilnehmer des Panels „Der moderne Lebensstil - So leben die Menschen heute“ auf dem Sparkassentag in ihre Diskussion.

Das Motto darf nicht lauten: ,Wenn dir etwas passiert, bist Du selber schuld, also wappne Dich'."
Juli Zeh beim 26. Deutschen Sparkassentag

Autorin Juli Zeh beobachtet diese Entwicklung nicht nur bei gestressten Großstädtern, sondern auch bei sich auf dem infrastrukturell schwachen Land. Schuld sei demnach nicht die Technologie, sondern der permanente Wunsch nach Selbstoptimierung. Unsere Mentalität sei darauf ausgerichtet, sich so lange selbst zu optimieren, bis kein Lebensrisiko mehr besteht. Das wiederum ließe den Umkehrschluss zu, dass jemand, der scheitert, etwas falsch gemacht haben muss. Das ganze Leben wird deshalb vermessen und verbessert. Das Motto dürfe nicht lauten: „Wenn dir etwas passiert, bist du selber schuld, also wappne dich“, so Zeh.

Auch Dr. Michael Stollarz, Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutscher Sparkassenverlags, mahnte, dass jeder für sich Ruhe- und Ankerpunkte finden müsse, die helfen, mit diesen vielfältigen Eindrücken des Alltags fertig zu werden. Verhaltensforscherin Pamela Pavliscak sieht in Technolgie sogar etwas emotional förderliches: Sie beobachtete, wie ihre Tochter dem Sprachassistenten Alexa unterstellte, beim „Schere Stein Papier“-Spiel zu schummeln. Wir würden uns Technologie immer mehr annähern – wobei wir es aber gleichzeitig schaffen müssten, sie empathisch zu machen.

Technologie darf dabei nicht überdramatisiert werden. Viel wichtiger sei es, sich selbst Fehlertoleranz einzuräumen und sich gnädig zu sein bei dem Wunsch nach der Übererfüllung von Erwartungen. Es sei falsch, sich ständig mit anderen zu messen und zu prüfen, ob man noch über dem liegt, was die Gesellschaft von einem erwartet. Sonst würde das Internet zum Tool für eine gegen sich selbst gerichtete Hetzjagd werden.