Grundsatzrede des DSGV-Präsidenten Helmut Schleweis beim 26. Deutschen Sparkassentag

In seiner Grundsatzrede zum 26. Deutschen Sparkassentag 2019 in Hamburg wirbt DSGV-Präsident Helmut Schleweis für eine "soziale Marktwirtschaft 2.0". Sparkassen seien gegründet worden, um Menschen aller Einkommensklassen und sozialen Schichten ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben zu ermöglichen. Dieser Grundsatz gelte heute wie vor über 240 Jahren, als Hamburger Bürger einen der Grundsteine des modernen Sparkassenwesens legten.

Meine Damen und Herren,

stellen Sie sich Hamburg im Jahr 1778 vor: Ein heißer Sommer im August. Der Hafen. Schiffe werden zur Überfahrt nach Amerika beladen.

Die Welt ist im Umbruch: Vor gerade einmal zwei Jahren hat die amerikanische Unabhängigkeitserklärung die Gleichheit aller Menschen betont. In Europa sind die ersten Vorboten der Französischen Revolution zu erkennen. Und mit der Erfindung der Dampfmaschine wirft die 1. Industrielle Revolution ihre Schatten voraus.

Hamburg ist eine Freie und Hanse-Stadt. International bedeutend und wohlhabend.
Über den Hafen ist man mit der Welt verbunden. Schnell spürt man hier weltpolitische Veränderungen. Man nimmt die Dinge gerne selbst in die Hand. Und ist stolz auf die hanseatischen Tugenden: Verlässlichkeit, nachhaltiges Wirtschaften, und Verantwortung fürs Gemeinwohl.

In diesem Geist also kommen im Sommer des Jahres 1778 Kaufleute und Gelehrte zusammen. Sie beschreiben ihre Motivation so: Sie seien „beseelt von der Idee der Gleichheit der Menschen und dem Wunsch, Bürgerrechte und Gemeinwohl zu stärken“. Denn sie spüren: Die Umbrüche führen zu wachsender sozialer Not. Es muss etwas getan werden.

Ihnen gefällt, was in diesen Wochen ein gewisser Immanuel Kant aus Königsberg verkündet. Alle Menschen, so sagt dieser, haben einen eigenen Verstand. Und den sollen sie nutzen, um ein verantwortliches, selbstbestimmtes Leben zu führen. Hilfe zur Selbsthilfe: Das ist das Anliegen dieser Philanthropen. Dazu gründen sie die erste Sparkasse in Deutschland. Ein Vorläufer aller deutschen Sparkassen, auch der heutigen Haspa.

Sie schreiben in ihre Satzung: Geringe fleißige Personen, Dienstboten, Tagelöhner, Handarbeiter oder Seeleute, sollen die Möglichkeit haben, auch kleine Geldbeträge sicher und zinsbringend anzulegen. Und sie schreiben noch etwas anderes auf, etwas für die damalige Zeit ganz und gar Unerhörtes: „für Personen beiderlei Geschlechts“ soll die Sparkasse da sein.

Eine tolle Idee, diese neue Sparkasse. Die Idee ist nötig! Denn Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung gibt es noch nicht. Und herausfordernd! Jeder Mensch soll Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. Als „Ausgang des Menschen aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit“ wird das Kant fünf Jahre später zusammenfassen. Die erste deutsche Sparkasse ist also ein Kind der Aufklärung – eine wichtige sozial- und gesellschaftspolitische Tat.

Die Sparkassenidee tritt in der Folge ihren Siegeszug durch ganz Deutschland an. Aber sie hätte wahrscheinlich nicht über bald 250 Jahre Bestand gehabt, wenn sie nicht einen festen Rahmen gefunden hätte. Denn den Wunsch nach Selbstbestimmung gab es ja auch andernorts. In Preußen wurden deshalb die Kommunen reformiert: Städte sollten fortan nicht mehr dem Staat untergeordnet sein. Und Bürger sollten über ihre Angelegenheiten selbst bestimmen können. „Kommunale Selbstverwaltung“ nennen wir dieses Erfolgsrezept der Stein-Hardenbergschen Reformen heute.

Jetzt hatte man vor Ort eigene Kompetenz. Mit einer Sparkasse konnte man sie wirtschaftlich ausfüllen. Je mehr soziale Umbrüche das 19. Jahrhundert mit sich brachte, umso wichtiger wurde dies zur Stabilisierung der Gesellschaft. Allein zwischen der Gründung der ersten kommunalen Sparkasse – 1801 in Göttingen – und der Reichsgründung 1871 wurden 1.500 Sparkassen gegründet.

Sparkassen und Kommunen – das gehört seitdem zusammen; über Jahrhunderte; über Kriege; und über ganz unterschiedliche politische Systeme hinweg. Unsere Vorgänger haben da wirklich Großartiges geleistet!

Jetzt leben wir im Jahr 2019. Ist das nicht alles nur Geschichte? Hat das irgendetwas mit uns und mit heute zu tun?

Ja, die Welt ist heute deutlich anders. Schneller und herausfordernder. Wir müssen heute viel mehr leisten! Uns im harten Wettbewerb bewähren. Uns gegen Großbanken, gegen Online-Banken und vor allem gegen globale Internetkonzerne durchsetzen. Unseren Kunden beste Leistungen anbieten. Und wir müssen uns mit überbordender Regulierung und einer Niedrigzinspolitik herumschlagen. Nur – das alles müssen andere Kreditinstitute auch!

Im Wettbewerb gut sein: Das allein bestimmt nicht die Identität einer Sparkasse. Die Idee der Sparkassen ist und bleibt: Menschen aller Bevölkerungsschichten bei einem wirtschaftlich selbstbestimmten Leben zu unterstützen. Diese Philosophie eint uns als kommunale und freie Sparkassen. Sie unterscheidet uns ganz grundlegend von Banken. Die kommunale Trägerschaft, das Regionalprinzip, das gegenseitige Haftungsversprechen in der Gruppe und die gemeinsame Marke − das sind die Pfeiler, auf denen diese Philosophie ruht. Dieses Fundament müssen wir besonders sorgsam behandeln. Denn ohne dieses gäbe es unsere Gruppe in der heutigen Form nicht mehr.

Wir stehen für finanzielle und damit gesellschaftliche Teilhabe. Eine Teilhabe, die Menschen sich selbst erarbeiten. Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe. Und sie ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht erledigt.

Wir alle wissen: Globalisierung und Digitalisierung bestimmen unsere Zukunft. „Neuland“ – so hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Internet vor sechs Jahren genannt. Dafür hat sie damals sehr viel Häme geerntet. Aber sie hatte recht. Damals und auch heute noch. 1778 wusste man noch nicht, was die Dampfmaschine alles ändern würde. Und nach rund 30 Jahren gewerblichen Internets und nach zwölf Jahren Smartphone wissen wir nicht wirklich, zu welchen Veränderungen die Digitalisierung noch führen wird.

Digitalisierung ist das, was wir draus machen! Vor uns steht der breite Einsatz der künstlichen Intelligenz. Das wird Produktion und Dienstleistungen radikal verändern. Das wird, ich bin sicher, zu großen Innovationssprüngen führen: in der Gesundheitsvorsorge, in der Forschung, bei der Ressourceneffizienz. Aber sicher auch bei Kreditinstituten!

Schon jetzt werden mit der Digitalisierung weltweit die Karten neu gemischt; müssen erreichte Positionen im Wettbewerb neu erarbeitet werden; und geraten Wirtschafts- und Politiksysteme in einen harten Wettbewerb zueinander.

Nun glauben manche, man könne sich vor Veränderungen schützen –  mit Protektionismus oder mit neuen Grenzen. Das ist falsch! Eine solche Abgrenzung führt zu Abstieg, zur Spaltung der Welt und zu neuen Spannungen. Tatsächlich brauchen wir mehr weltweite Arbeitsteilung, freie Märkte und einen klugen Einsatz digitaler Technologien. In Hamburg – dem Tor zur Welt – muss ich eine solche Haltung wohl nicht besonders begründen. Die ganze Geschichte dieser Stadt zeigt: Weltoffenheit und Wohlstand gehören zusammen! Das ist unsere Überzeugung!

Wir dürfen Globalisierung und Digitalisierung aber auch nicht einfach geschehen lassen. Aus Erfahrung wissen wir Sparkassen: Grundlegende wirtschaftliche Umbrüche sind auch mit tief greifenden sozialen Änderungen verbunden. Eine gerechte Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten ist keine Selbstverständlichkeit. Dafür muss man aktiv eintreten!

Wir wollen, dass alle Teile der Bevölkerung an den Vorteilen der Globalisierung teilhaben können. Dass der erarbeitete Wohlstand fair verteilt wird. Und dass nicht weiterhin die natürlichen Ressourcen zulasten nachfolgender Generationen verbraucht werden. Deshalb darf nicht alles der Selbstregulierung globaler Märkte überlassen werden. Und schon gar nicht den Gesetzmäßigkeiten weltweiter Renditeerwartungen.

Wir müssen sicherstellen, dass soziale, ökologische und wirtschaftliche Mindeststandards eingehalten werden. Es geht um eine zeitgemäße soziale Marktwirtschaft! Nötig ist dafür eine neue Balance zwischen legitimen privaten Gewinninteressen einerseits und dem öffentlichen Gemeinwohl andererseits. Nur so können wir in einer sich schnell ändernden, digitalen Welt den grundlegenden Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht werden. Und genau hier kommen Sparkassen ins Spiel. Drei Beispiele hierzu: 

Erstens: Fairer Wettbewerb. Unser Wirtschaftsverständnis lebt von einer wirksamen Begrenzung übermäßiger wirtschaftlicher Macht. Und von klugem Verbraucher- und Datenschutz. Nur deshalb haben wir in Deutschland einen so starken gewerblichen Mittelstand. Das sind 99 Prozent aller deutschen Unternehmen mit fast 60 Prozent aller Beschäftigten und mit 82 Prozent aller Auszubildenden. Wirtschaft in Deutschland – das ist Mittelstand in Familienhand!

Im Mittelstand können sehr viele Menschen unmittelbar an Wertzuwächsen der globalen Wirtschaft teilhaben. Mit seiner Präsenz in allen Teilen des Landes trägt der Mittelstand zur Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen bei. Das sichert sozialen Frieden. Und es stärkt die Attraktivität ländlicher Räume.

Für dieses Wirtschaftsmodell kämpfen wir als Sparkassen-Finanzgruppe!

Nun führt die Digitalisierung zu einer massiven Konzentration wirtschaftlicher Macht. Die mittelständische Wirtschaft hat es zunehmend zu tun mit amerikanischen BigTechs und mit einer chinesischen Staats-Digitalwirtschaft. Da geht es um weltwirtschaftliche Dominanz, um Einschränkung von Wettbewerb und um Ausforschung von Daten!

Die neue Plattformökonomie setzt erfolgreich auf Convenience. Sie schiebt sich damit zwischen die traditionellen Anbieter und die Verbraucher. Sie besetzt alle Schnittstellen zum Kunden, ohne diese mit anderen Anbietern zu teilen.

Das Gefährliche daran ist: Diese digitalen Angebote sind umso attraktiver, je mehr Menschen sie nutzen. Das gilt für die Vernetzung auf Facebook, für die Suche auf Google und auch für den Kauf über Amazon. Wir haben es also mit monopolartigen Strukturen zu tun. Und diese erstrecken sich in immer mehr Wirtschaftsbereiche − Machtkonzentrationen, gegen die sich europäische Mittelständler künftig behaupten müssen.

Wir Europäer dürfen nicht zu geduldeten Zulieferern und zu geduldigen Verbrauchern dieser Plattformökonomie werden. Wir wollen, dass Europa die Digitalisierung in die eigene Hand nimmt. Wir wollen, dass wirtschaftliche Macht begrenzt wird, fairer Wettbewerb sichergestellt wird und dass wirksamer Datenschutz gewährleistet wird.

Ludwig Erhard würde sagen: „Ein Markt braucht Ordnung.“ Eine richtig verstandene Ordnungspolitik formt keine europäischen Champions. Sie fördert mittelständische Unternehmen.

Netzwerke und mehr Zusammenarbeit in den Branchen sind nötig, um gegen die BigTechs der Welt antreten zu können. Darum geht es − auch in der Kreditwirtschaft!

Wir wollen etwa mit den Genossenschaftsbanken und auch anderen Kreditinstituten bei europäischen Bezahlsystemen zusammenarbeiten. Durch Kooperation wollen wir besser als globale Payment-Anbieter sein. Wir müssen den Wettbewerb in der Digitalisierung entschlossen aufnehmen!

Zweitens: Gerechte Vermögensverteilung. Zur Schattenseite der Digitalisierung gehört, dass ein neues Dienstleistungs-Prekariat entsteht. Denken Sie nur an die vielen Paketboten, die heute unter prekären Arbeitsbedingungen tätig sind. Weil wir alle im Internet bestellen und just in time beliefert werden wollen. Das sind die Menschen, für die 1778 die Sparkasse erfunden wurde. Ich verstehe unsere Geschichte so, dass wir auf der Seite dieser Menschen stehen − Menschen, die hart arbeiten. Bei denen es aber dennoch oft nicht reicht, um wirklich unabhängig zu sein.

„Wohlstand für alle in Zeiten der Digitalisierung“ – Das ist eine Aufgabe, für die man sich politisch begeistern kann, für die man sich begeistern sollte, für die man sich begeistern muss. Wir müssen uns für unseren Teil der Aufgabe begeistern: Zugang zu Bankdienst-leistungen für alle ermöglichen − und eine sichere Vermögensvorsorge.

Deshalb wird es auch künftig darauf ankommen, nicht nur große, sondern auch kleine Einlagen anzunehmen. Wir müssen daraus kleine Vermögen machen. In Zeiten ohne Zinsen ist das fast nur noch über das Wertpapiersparen möglich. Das ist die Aufgabe der Sparkassen – und der Deka. Dazu braucht man den Blick und ein Herz für alle Teile der Bevölkerung.

Das Bundesverfassungsgericht hat klar festgestellt: „Sparkassen sind gekennzeichnet durch die Unterordnung des Gewinnstrebens unter ihre öffentliche Zielsetzung.“ Genau deshalb wollen wir nicht, dass Sparkassen den Regeln für Großbanken unterworfen werden.

Drittes Beispiel: Angemessenes Wohnen als menschliches Grundbedürfnis. Viele Normalverdiener, sogar Doppelverdiener, können sich das Wohnen in oder rund um die großen Wirtschaftszentren nicht mehr leisten. Die Sorge um bezahlbaren Wohnraum ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das ist eine der großen sozialen Fragen unserer Zeit!

An der Preisexplosion hat die Zinspolitik der letzten Jahre einen entscheidenden Anteil. Denn sie hat zu einer enormen Steigerung der Immobilienpreise geführt. Mieter und Häuslebauer müssen das heute ausbaden.

Die Privatisierung von riesigen Wohnungsbeständen war ein Fehler. Falsch war auch der Zwang der EU-Kommission gegenüber Landesbanken, Wohnungen zu verkaufen! Daraus muss man lernen: Infrastrukturen der Daseinsvorsorge gehören nicht in die Hände von renditemaximierenden Investoren!

Eigentum verpflichtet – betont unser Grundgesetz, zu Recht! Aber Fehler der Vergangenheit kann mit Sicherheit nicht durch Enteignungen heute gelöst werden. Es ist besser, öffentliche Mittel für neue Wohnungen statt zur Entschädigung der heutigen Eigentümer alter Wohnungen einzusetzen. Mehr Eigenheime und zusätzliche bezahlbare Mietwohnungen. Das brauchen die Menschen wirklich!

Meine Damen und Herren, niemand in Deutschland bringt mehr Menschen in die eigenen vier Wände und in neue Mietwohnungen als Sparkassen, Landesbanken und Landesbausparkassen. Deshalb wollen wir eines nicht: Dass private Investoren auch noch bei Sparkassen bestimmen können!

Das waren nur drei Beispiele. Ein moderner öffentlicher Auftrag und fairer Wettbewerb gehören in der sozialen Marktwirtschaft zusammen! Eine Sparkasse ist man nicht dann, wenn man sich wochentags wie eine Bank bewegt und am Wochen- oder Jahresende durch Spenden oder Ausschüttungen Gutes für das eigene Geschäftsgebiet bewirkt. Eine echte Sparkasse erkennt man daran, dass sie in ihrer täglichen Geschäftspolitik einen Mehrwert sicherstellt. Für einzelne Kunden und für die ganze Region.

Wir Sparkassen müssen nicht erst noch nach unserem Sinn für die Gesellschaft suchen. Gemeinwohlorientierung gehört zu unserem Selbstverständnis. Damit sind wir auf die Welt gekommen. Wir in der Sparkassen-Finanzgruppe bieten sinnstiftende Arbeit. Das schätzen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und das wird für die junge Generation immer wichtiger!

Natürlich ist es heute für jeden Sparkassenvorstand eine große Versuchung, sich in der eigenen Geschäftspolitik vor allem auf lukrative Kunden und attraktive Investments zu konzentrieren. Die Anreizsysteme in der Finanzwirtschaft – und übrigens auch bei der Bankenaufsicht – sind so, dass man vor allem dafür gelobt wird.

Und natürlich braucht eine Sparkasse wirtschaftlich attraktive Kunden. Sie helfen uns, Gemeinwohlorientierung aus eigener Kraft leisten zu können. Ich bin nach vielen Kundengesprächen aber überzeugt: Auch den sogenannten „Besserverdienenden“ reicht es nicht, dass sich ihr Geld vermehrt. Die meisten wollen mit ihrem Geld etwas Sinnvolles tun, etwas Nachhaltiges. Als Sparkassenkunde ist das möglich.

Kundeneinlagen in regionale Wirtschaftskreisläufe und damit ökonomisch nachhaltig investieren. Das können wir. Sozial nachhaltig das Geschäft betreiben. Das sind wir. Aber ganz offen: Ökologisch nachhaltig – das müssen wir noch werden.

Ich glaube, wir alle verstehen: Klimaschutz ist das Thema unserer Zeit. Um eine übermäßige Erderwärmung zu verhindern, müssen wir alle sehr viel mehr tun. Ich verstehe deshalb die jungen Menschen, die Woche für Woche für Klimaschutz auf die Straße gehen. Es ist ja ihre Zukunft. Auch ich möchte diese Welt meinen Kindern besser hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. Davon sind wir noch weit entfernt.

Sicher − wir haben schon sehr gute Angebote für nachhaltige Geldanlagen – bei der Deka, bei Landesbanken, bei der Berlin Hyp. Aber wir haben noch viel zu tun! Wie die Gesellschaft insgesamt!

Wir brauchen dabei eine gute Balance zwischen Ökologie, Ökonomie und sozialer Verantwortung. Ein Beispiel: Elektromobilität. Ein ganz großes Ding! Das Elektroauto, der Elektroroller sind fast schon gekauft. Aber wollen wir wirklich, dass für die nötigen Batterien in Afrika Kinder in Kobaltminen geschickt werden? Oder dass für den Lithium-Abbau in der Atacama-Wüste in Chile fast das gesamte Wasser verbraucht wird? Sicher nicht!

Deshalb sollten wir uns gegenseitig zugestehen: Umfassende Nachhaltigkeit ist nicht einfach. Sie ist schwierig. Es geht um Zielkonflikte. Deshalb brauchen wir einen breiten gesellschaftlichen Diskurs. Das wird anstrengend. Wir werden uns daran beteiligen − an der Diskussion, aber natürlich auch an den Lösungen. Wir werden besser als bisher erklären, was wir warum tun. Und uns damit auch berechtigter Kritik aussetzen − immer mit dem Ziel, besser zu werden.

Es muss aber auch ganz klar sein: Als Dienstleister tun wir das, was unsere Kunden brauchen und wozu sie bereit sind. Wir werben für Nachhaltigkeit, wir belehren unsere Kunden aber nicht. Wir machen Angebote, wir kontrollieren unsere Kunden aber nicht. Denn eine Nachhaltigkeits-Hilfspolizei sind wir nicht. Und das wollen wir auch nicht werden!

Wie sieht nun, meine Damen und Herren, die Geschäftstätigkeit der Sparkasse in der Zukunft aus? Dies können nach unserem Verständnis als Dienstleister nur unsere Kundinnen und Kunden bestimmen. Die Herausforderung ist, diesen Kundenbedarf schnell genug zu erkennen und umzusetzen. Dabei sind uns drei Punkte wichtig:

Erstens: Unsere Kunden wollen Transaktionen und einfache Services immer stärker online und mobil erledigen. Deshalb brauchen wir Deutschlands bestes Online-Banking und vor allem die beste Mobile-Banking-App. Die haben wir. Die Sparkassen-App wird am häufigsten genutzt. Und erhält die besten Bewertungen.

Wir wollen künftig unseren Kunden das Leben noch deutlich einfacher machen. Durch noch bessere digitale Angebote. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung des Girokontos zu einer umfassenden Finanzplattform. Eine Online-Plattform, die unsere Kunden vor Ausforschung ihrer Daten schützt. Eine Online-Plattform, die gemeinsame Angebote mit unseren gewerblichen Kunden ermöglicht. Eine Online-Plattform, auf der unsere Kunden alle ihre wirtschaftlichen Vorgänge managen können. Ein umfassendes finanzielles Zuhause. So sieht das Girokonto der Zukunft aus. Daran arbeiten wir. Und damit machen wir unseren Kunden bessere Angebote als die BigTechs dieser Welt.

Zweitens: Wir überlassen unseren Kunden die Entscheidung: Wie wollen sie zu uns kommen? Persönlich, online oder mobil. Aus Erfahrung als Sparkassenvorstand weiß ich aber auch: Es gibt entscheidende Ereignisse im Leben von Menschen: Geburt, Ausbildung, Familiengründung, Hausbau, Altersvorsorge, Nachlassbestimmung: Da brauchen, da wollen Kunden eine persönliche Beratung. Entgegen manchen Vermutungen ist dies auch bei den jüngeren Generationen nicht anders.

Filialen sind künftig vor allem für die qualifizierte Beratung da. Deshalb werden sie größer. Und deshalb sind sie mit mehr Mitarbeitern besetzt. Das erfordert Zusammenlegungen von Standorten und eine ständige Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Trotzdem sage ich: Vorsicht beim Abbau von Filialen! Ich kenne viele Menschen, für die die Nähe einer Filiale entscheidend war, um Sparkassenkunde zu werden. Diesen Faktor sollten wir – Sie alle – nicht unterschätzen, wenn es um Standortentscheidungen und um Wirtschaftlichkeitsberechnungen von Filialen geht. Wenn es wirklich schwierig wird, dann merkt man: Ein echter Mensch vor Ort ist wichtig! Deshalb finde ich Nachbarschaftskonzepte gut, wie sie auch hier in Hamburg verfolgt werden.

Drittens: Unsere Kunden entscheiden auch darüber, wie sie künftig bezahlen wollen. Fast 50 Prozent des Einzelhandelsvolumens in Deutschland werden immer noch bar bezahlt. Wir werden Kunden nicht gegen deren Willen in elektronische Bezahlverfahren drängen. Aber natürlich nimmt die Zahl der Kunden zu, die elektronisch bezahlen wollen. Ihnen bieten wir technologisch zeitgemäße Bezahlsysteme an. Nicht jeden Schnickschnack, sondern Angebote, die sicher sind − Angebote, die unsere Kunden wirklich brauchen. Deshalb haben wir eine App für mobiles Bezahlen, mit Kwitt ein Handy-zu-Handy-Bezahlsystem. Und wir beherrschen heute als einzige Institutsgruppe umfassend das Bezahlen in Echtzeit. Und wir wollen unseren Kunden noch in diesem Jahr auch Apple-Pay anbieten.

Daten, meine Damen und Herren, sind das Kapital des 21. Jahrhunderts. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Kunden mit diesem Schatz sehr bewusst umgehen. Auch wenn es anstrengend ist: Wir sagen unseren Kunden, was wir mit ihren Daten machen. Und wir respektieren auch, wenn Kunden das nicht wollen.

Den wenigsten Kunden dürfte heute bewusst sein, dass sie bei Nutzung von vielen Zahlungsdienste-Anbietern praktisch ihre gesamten Kontoumsätze offenlegen. Sie werden das auch nicht wollen. Durch einen unbedachten Klick im Internet geben sie aber fremden – zuweilen auch ausländischen Unternehmen – Einblick in ihre Kontodaten und damit in ihr gesamtes Leben. Und Händler geben auf diese Weise ungewollt Kundendaten preis, die von Online-Plattformen später gegen sie verwendet werden können.

Beide Gruppen schützen wir durch sichere Bezahl- und Identifikationssysteme vor Ausforschung. Bei uns können sich Kunden auf eines verlassen: Wir gehen mit ihren Daten ebenso sorgsam um, wie wir das seit Jahrhunderten mit ihrem Geld getan haben!  

Die Sparkassen-Finanzgruppe, meine Damen und Herren, deckt den gesamten Finanzbedarf aller Kundengruppen – sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Wir können das aus eigener Kraft – als einer von ganz wenigen in Deutschland.

Unsere Verbundunternehmen, die Landesbanken, die Deka, die Deutsche Leasing, die Berlin Hyp, die Sparkassenversicherungen, die Landesbausparkassen, die Finanz Informatik, der Deutsche Sparkassenverlag und viele andere erbringen Tag für Tag hervorragende Leistungen. Darauf können wir stolz sein. Danke dafür an alle Verbundunternehmen und ihre rund 100.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Diese breite Aufstellung wird auch künftig unsere Strategie bestimmen. Wir werden uns immer von Anbietern unterscheiden, die nur einzelne Zielgruppen mit einem sehr speziellen Bedarf im Blick haben. Aber wir wissen: Auch die größte Sparkasse wird dies nicht allein bewältigen können. Unsere Kunden – private wie gewerbliche – brauchen heute Kreditinstitute, die ihnen die Welt erschließen können. Wir müssen deshalb in Zeiten der Globalisierung eng zusammenarbeiten. Damit wir überall ein hochwertiges Angebot kundennah sicherstellen können – auch in der kleinsten Sparkasse.

Mein Bild ist: Die Sparkassen sind der Kern unserer Gruppe! Aber sie brauchen die Unterstützung starker Verbundunternehmen. Deshalb wird auch künftig das Angebot benötigt, das bisher von Landesbanken erbracht wird. Aber nicht mehrfach nebeneinander.

Wir haben über all die Jahre sehr gut mit den Bundesländern als Mitträger von Landesbanken zusammengearbeitet. Dafür sind wir dankbar. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt aber auch: Zwischen den Anforderungen der Sparkassen an die Landesbanken einerseits und denen der Bundesländer andererseits gibt es funktionsbedingte Unterschiede. Den Interessen beider Trägergruppen kann besser entsprochen werden, wenn die Sphären schrittweise entflochten werden.

Uns allen ist bewusst, dass ein solcher Prozess nicht schnell zu organisieren ist und dass es vieler Zwischenschritte bedarf. Unser Ziel ist aber ganz klar: Die deutschen Sparkassen wollen eine einzige, durch sie gemeinsam getragene und kontrollierte Sparkassen-Zentralbank. Daran arbeiten wir. Daran arbeite ich. Denn es ist meine Aufgabe, die Sparkassen insgesamt in eine sichere Zukunft zu führen!

Mit einheitlichen, von allen Sparkassen getragenen Instituten haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Deka und die Deutsche Leasing sind dafür gute Beispiele. Aus diesen Erfahrungen müssen wir lernen. Bei den Landesbausparkassen! Und auch bei den öffentlichen Versicherungen! Es gibt dort mittelfristig Bedarf zur Fortentwicklung.

Die Herausforderung wird sein, berechtigte regionale Interessen gut auszubalancieren. Mir liegt daran, auf diesem Weg alle angemessen einzubinden. Deshalb ist kein „Big Bang“ zu erwarten. Zu diesem Weg gibt es keine gute Alternative. Und deshalb werden wir ihn gehen!

Meine Damen und Herren, wir haben genug in unserer eigenen Gruppe zu tun. Deshalb dazu hier nur wenige Worte zur Finanzwirtschaft insgesamt. Wir haben schon in der Vergangenheit deutlich gemacht: Die regulatorischen Belastungen der Finanzinstitute sind inzwischen definitiv zu hoch. Manche Regeln wirken sogar in sich widersprüchlich. Da passt inzwischen vieles nicht mehr zusammen.

Das gilt auch in der Geldpolitik. Die EZB ist in einer Sackgasse. Sie hat geldpolitisch nicht darauf reagiert, dass sich die Konjunktur zwischenzeitlich normalisiert hatte. Damit hat sie sich selbst notwendiger Spielräume beraubt, sollte sich die Weltwirtschaft weiter abschwächen.

Ich stimme hier allerdings nicht wiederum das gesamte Klagelied über die Geldpolitik oder über die Regulierung an. Was wir falsch fanden und immer noch falsch finden, haben wir seit Jahren klargemacht. Die Sparkassen müssen und können mit der Situation wirtschaftlich umgehen. Sorgen macht uns aber, dass mit dieser Politik all diejenigen bestraft werden, die fleißig sind und aus eigener Kraft für die Zukunft vorsorgen wollen.

Jeder in unserem Land sollte motiviert werden, für sich selbst finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Es wäre richtig und angemessen, wenn dabei Kreditinstitute mit gutem Beispiel vorangehen. Deshalb sollte der Staat nicht große, sondern stabile Bankenstrukturen fördern.

Damit sind wir, meine Damen und Herren, ganz zwangsläufig bei unserem Verständnis von Europa. Für uns ist ganz klar: Die Herausforderungen der Zukunft sind so groß, dass sie nur durch die europäischen Staaten gemeinsam gelöst werden können. Deutschlands Zukunft liegt in einem gemeinsamen Europa!

Frieden und Freiheit, Demokratie und Pluralität, offene Grenzen und ungehinderte Begegnung der Menschen. Das alles sind keine Selbstverständlichkeiten. Dafür muss man aktiv eintreten. Deshalb ist die Wahlentscheidung am 26. Mai sehr wichtig. Wichtiger als in vielen Wahlen zuvor. Denn wir dürfen die EU nicht den Gegnern der europäischen Idee überlassen.

Nun glauben allerdings nicht wenige Menschen, dass man in den Hauptstädten ihre Identität, ihre Erfahrungen und auch ihre regionalen und nationalen Unterschiede nicht ausreichend respektiert. Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Faktor für den wirtschaftlich absolut irrationalen Brexit. Und es ist, so denke ich, auch 30 Jahre nach der deutschen Einheit ein trennender Faktor zwischen Ost- und West-Deutschland. Es geht also in der Zukunft vor allem um Respekt − um Respekt vor unterschiedlichen Lebenserfahrungen, um Respekt vor regionalen und nationalen Identitäten. Und um Respekt vor Entscheidungsspielräumen vor Ort.

Wir brauchen deshalb ein Europa, das nicht Kompetenzen an sich zieht, die auf kommunaler, regionaler oder nationaler Ebene bürgernäher ausgefüllt werden können. Und wir brauchen ein Europa, das Selbstverantwortung fördert und nicht Lasten einfach nur auf andere verschiebt. Es ist deshalb auch eine Fiktion, meine Damen und Herren, dass man durch ein einheitliches europäisches Einlagensicherungssystem eine höhere Stabilität erreichen könnte.

Wir müssen in der EU begreifen: Solche Verschiebebahnhöfe bringen uns nicht zusammen. Sie treiben uns im Krisenfall auseinander. Und das schadet der großartigen europäischen Idee!

Die Frage der Eigenverantwortung und der regionalen Identität ist auch für die Sparkassen entscheidend. Deshalb können Sparkassen in ihrer Größe und Ausdehnung auch nicht beliebig sein. Hier hilft es, sich an den kommunalen Trägern zu orientieren – nicht nur wegen der rechtlichen Trägerschaft, sondern weil wir dort mit unseren Kunden zu Hause sind.

Wir sollten deshalb die Begrenzung unserer Geschäftsgebiete auf das Gebiet der kommunalen Träger nicht als Einschränkung, sondern als große Chance sehen. Als Chance zu einer Einheit mit der Region und mit den dort lebenden Menschen!

#GemeinsamAllemGewachsen – so haben wir diesen Sparkassentag überschrieben. Ich bin zutiefst überzeugt: Das Wichtigste ist, dass wir die emotionale Verbindung zu den Menschen unserer Region erhalten und stärken. Das, genau das hat mich in fast 30 Jahren Sparkassenvorstand immer wieder motiviert.

Meine Überzeugung ist: Sparkässler − Vorstände und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter − müssen Menschenfreunde sein! Sie müssen die Fähigkeit und die Bereitschaft haben, auf alle Bevölkerungsgruppen zuzugehen − mit allen zu reden und allen zuhören zu können. Ich finde, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das großartig machen. Wir haben allen Grund, ihnen dafür auch heute aus voller Überzeugung zu danken!

Wir sind eine der letzten Institutionen, die Menschen aller Altersgruppen, aller sozialen Schichten, aller politischen Grundüberzeugungen und aller Lebensentwürfe jeweils mehrheitlich für sich begeistern können. Aus dieser großen Integrationskraft erwächst eine Verantwortung, aktiv etwas für die Gemeinschaft vor Ort zu tun. Das tun wir Tag für Tag! Und das müssen wir beibehalten!

Gutes Bankgeschäft besteht aus Beziehungen zu Menschen. Das können wir besser als jeder andere. Wenn wir also die menschliche Nähe zu unseren Kunden bewahren, unseren Kunden die digitalen Angebote machen, die sie wirklich brauchen und wollen, selbst die Standards im Bankgeschäft setzen und wenn wir in dieser Gruppe engagiert miteinander arbeiten, dann werden wir gemeinsam allen Herausforderungen der Zukunft gewachsen sein. Wir werden sie gestalten!

Dazu braucht es Begeisterung für unsere gemeinsame Idee.

Ich bin begeistert.

Ich bin stolz, Sparkässler zu sein.

Pressekontakt
Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V.
Pressestelle
Charlottenstrasse 47
10117 Berlin Deutschland


030 20 22 55 116


030 20 22 55 119

Downloads