Rede von Helmut Schleweis anlässlich der Festveranstaltung 100 Jahre Deka in Frankfurt am Main

01.02.2018 – Rede von Helmut Schleweis, Präsident DSGV

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine Damen und Herren,

ich gratuliere der Belegschaft und dem Vorstand, den Sparkassen und ihren Verbundpartnern zu 100 Jahren Deka. 

Wenn die Sparkassen unter sich von der „DekaBank Deutsche Girozentrale“ sprechen, dann sagen sie „unser Wertpapierhaus“. Das ist ein Ausdruck hoher Wertschätzung, einer langen gemeinsamen Geschichte im Wertpapiergeschäft und einer guten Partnerschaft:

Die Deka ist für uns ein Wissenspool. Wann immer sich Anleger in der zunehmend verwobenen Weltwirtschaft neu orientieren wollen, weiß die Deka Rat. Sie ist Partner der Sparkassen für die Eigenanlage. Dadurch verschafft sie uns etwas Luft in einer von Nullzinsen geprägten Zeit. Und sie unterstützt die Sparkassen bei der Umsetzung regulatorischer Vorgaben. Damit trägt sie dazu bei, dass wir im Wertpapierbereich trotz sehr komplexer rechtlicher Bedingungen wirtschaftlich arbeiten können.

In ihren Geschäftsmodellen sind Sparkassen und Deka eng verwandt: Die Sparkassen nutzen ihre starke Einlagenbasis für Kredite an die örtliche Wirtschaft. Die Deka macht aus Spargeldern Investitionen und stärkt so die Dynamik am deutschen und europäischen Markt. In beiden Fällen entsteht ein produktiver Kreislauf, der die Wirtschaft in Bewegung hält, und in dem gleichzeitig dafür gesorgt ist, dass möglichst Viele an diesen Wachstumschancen teilhaben können. 

Als Vorstand einer Sparkasse habe ich fast dreißig Jahre – und damit ein knappes Drittel des Geschäftslebens der Deka – die Wertpapierberatung vor Ort selbst erlebt. 

Für uns kommt das Wichtigste am Anfang: der Kunde. Wir besprechen mit ihm seine Lebenssituation. Wir klären, welche finanzielle Ausgangsbasis er hat, welche Risiken abgedeckt werden sollen und wo es hingehen soll. Auf der Grundlage des Sparkassen-Finanzkonzepts kommen wir dabei immer auch zu den Themen Vorsorge und Vermögensaufbau. 

Hier zeigt sich, dass breite Schichten unserer Gesellschaft noch mehr finanzielle Puffer bräuchten, um langfristig so gut versorgt zu sein, wie sie sich das wünschen und wie es auch notwendig wäre. Viele Menschen sparen nach Kräften. Doch Vermögenswerte wie Immobilien, Aktien und Fonds sind in den letzten Jahren deutlich stärker gestiegen als Löhne und Gehälter. Das liegt nicht zuletzt an der expansiven Geldpolitik. Sie begünstigt diejenigen, die über hohe Realwerte verfügen und hohe Risiken in Kauf nehmen können. Wer hingegen nur aus seinem Einkommen heraus spart, kann hier nicht mithalten. In den Sparkassen sehen wir Tag für Tag, Kunde für Kunde, wie sich in unserer Gesellschaft diese Schere weiter auftut. Das wird immer mehr zu einer sozial- und gesellschaftspolitischen Frage.

Dem wollen wir etwas entgegensetzen und deshalb sagen wir: Jeder Kunde hat ein Recht auf Wertpapierberatung. Das heißt nicht, dass wir jedem Kunden zu Wertpapieren raten. Nicht jeder will, und nicht jeder kann die Risiken tragen, die solche Anlagen durchaus haben können. Aber jeder hat das Recht, unabhängig von der Höhe des verfügbaren Betrags zu verstehen, was er selbst tun kann. Chancengerechtigkeit beginnt mit dem Wissen um die eigenen Chancen. Deshalb halten wir es für falsch, Beratung mit einer Art „Eintrittsgeld“ zu versehen, wie dies bei Honorarberatungen erfolgt. Denn das hält gerade die Bezieher kleiner Einkommen von der notwendigen Beratung ab.

Die Deka teilt dieses Verständnis, deshalb haben die Sparkassen sie als Alleineigentümer 2011 zu „unserem Wertpapierhaus“ gemacht. Und deshalb kann man bei der Deka schon mit kleinsten monatlichen Beträgen das Wertpapiersparen beginnen.

Aus Erfahrung weiß ich, dass sich Menschen für Vorsorge, Vermögensplanung und andere komplexere Belange einen persönlichen Ansprechpartner wünschen. Als Sparkassen setzen wir deshalb auf persönliche Beratung vor Ort. Natürlich brauchen wir für tägliche Bankgeschäfte umfassende digitale Angebote. Deshalb bauen wir diese deutlich aus. Wenn es aber um komplexe Produkte, um die eigene finanzielle Zukunft geht, wollen und brauchen die Menschen persönliche Beratung. Deshalb ist es wichtig, dass die Sparkassen überall in Deutschland ein dichtes Netz an Geschäftsstellen vorhalten und überall qualitätsvolle Beratung anbieten. Das ist heute allerdings betriebswirtschaftlich schwieriger als früher. Deshalb ist es wichtig, dass uns diese flächendeckende, provisionsbasierte Beratung nicht noch schwerer als unbedingt nötig gemacht wird.

Natürlich will die Politik den Verbraucherschutz verbessern. Und es ist ja auch gerade bei komplexen Produkten wichtig, dass die Kunden verstehen, worum es geht. Wenn aber das Versprechen von „mehr Transparenz“ in einer Flut technischer Details und Papierstapeln untergeht, dann ist in der Praxis keinem Kunden geholfen. Viel hilft eben nicht immer viel. Das hat die Einführung von MiFID II und PRIIPs zum Jahresbeginn gerade wieder anschaulich bewiesen. Gute Regulierung misst sich nicht an guten Absichten, sondern muss sich im täglichen Leben bewähren. 

Falsch verstandener Verbraucherschutz überfordert und verwirrt die Kunden. Er zwingt Institute, ihre Kunden mit unverständlichen Informationen zu überschütten. Eine einseitige Förderung der Honorarberatung hält diejenigen Menschen von Beratung ab, die sie am meisten benötigen. Und durch die Abschaffung der Abgeltungsteuer auf Zinserträge würden Wertpapiere steuerlich unattraktiver – obwohl derzeit vor allem sie zur privaten Vorsorge beitragen können. Gute Regulierung sollte anders ansetzen: Sie sollte die Hürden für Beratung senken. Sie sollte möglichst vielen Menschen Wertzuwächse durch Wertpapiere erschließen. Und sie sollte Vertrauen in die Sicherheit von Einlagen schützen. 

Gerade das gestiegene Sicherheitsbedürfnis unserer Kunden wird verletzt, wenn die zu ihrer Absicherung angesparten Mittel zur Finanzierung von Schieflagen fremder Banken in anderen Teilen Europas herangezogen werden. So stärkt man weder das Vertrauen in Einlagen, noch das gegenüber der EU. Beides können wir uns in Deutschland nicht leisten. Deshalb stellen wir uns deutlich gegen Pläne, die Einlagensicherung in Europa zu vergemeinschaften.

Die Sparkassen engagieren sich für ihre 50 Millionen Kunden mit der Kraft des ganzen Verbundes, mit sehr viel Erfahrung – und mit dem dichtesten Netz an Infrastruktur und Personalausstattung. Ich kann nachvollziehen, dass dies von Vielen als ein großer Wert gesehen wird. Darauf möchte kein Ort, kein Träger, kein Kunde verzichten. Vor rund vierzig, fünfzig Jahren haben vor allem die Sparkassen dieses dichte Filialnetz aufgebaut. Es wurde notwendig, als das Girokonto die Lohntüte ablöste und die Menschen eine Auszahlstelle für ihr Gehalt brauchten. Heute wandelt sich der Bedarf erneut. Zahlungen erfolgen unmittelbar – und immer häufiger per App oder Online. Unsere Filialen sind deshalb heute immer weniger Auszahlstellen, sondern Orte der Beratung. Diesem hohen Qualitätsanspruch müssen wir gerecht werden. Deshalb fassen die Institute Filialen so zusammen, dass dort eine umfassende Beratung angeboten werden kann. 

Aber natürlich beobachten auch wir, dass eine andere Entwicklung hinzukommt. Und die hat im Kern erst einmal nichts mit Finanzwirtschaft zu tun. Es gibt in Deutschland inzwischen eine deutliche Wanderungsbewegung in die Ballungsräume, zu Lasten des ländlichen Raums und vieler mittlerer Städte. Die Konsequenzen sind dort eine Schwächung des öffentlichen Nahverkehrs, der Schulen, der ärztlichen Versorgung und des Einzelhandels – übrigens auch der öffentlichen Verwaltungen. Dieser Trend macht vor keinem Wirtschafts- und Lebensbereich Halt – auch nicht vor den Sparkassen. Häufig sind die Sparkassen sogar die Letzten, die im Ort die Stellung halten. Damit wird unsere Filiale oft zum Symbol dafür, ob man noch dazugehört. 

Wo wirtschaftlich wenig stattfindet, wird natürlich auch wenig Finanzwirtschaft gebraucht. Wenn dann aus betriebswirtschaftlichen Gründe die Sparkasse geht, fällt das den Menschen besonders auf. Es verstärkt das Empfinden, von der allgemeinen Entwicklung abgehängt zu werden. Es macht für sie den Unterschied von „Licht an“ zu „Licht aus“. Deshalb treffen unsere Vorstände solche Entscheidungen ungern und mit Bedacht. Wenn wir gemeinsam etwas ändern wollen, dann müssen wir die größeren Zusammenhänge sehen. Der Rückzug wichtiger Infrastrukturen spiegelt eine wirtschaftliche Entwicklung – und genau darin liegt das Alarmsignal. 

Wir alle, unser ganzes Land muss an gleichwertigen Lebensbedingungen überall in Deutschland interessiert sein. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern eine von gesellschaftlicher Teilhabe. Deshalb brauchen wir attraktive Regionen. Dazu gehört ein Mindestmaß an öffentlicher Infrastruktur, die eine Filiale oder ein Geldautomat alleine nicht herstellen können. Wir brauchen deshalb eine gemeinsame Kraftanstrengung aller gesellschaftlichen und politischen Kräfte, der Verwaltung, und aller Teile der Wirtschaft für eine Belebung der ländlichen Räume. Dazu gehören attraktive Nahverkehrsanbindungen, eine angemessene Ärzteversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, eine gezielte Ansiedlungspolitik für Wirtschaftsunternehmen, Breitbandausbau – und vieles mehr. Und dazu gehört dann natürlich auch die Sparkasse. 

Jeder Kollege, jede Kollegin im Vorstand einer Sparkasse wird sich freuen, Teil einer prosperierenden Wirtschaftsentwicklung zu sein. Wir müssten es halt gemeinsam auf den Weg bringen.

Die Sparkassen können nur deshalb in 386 selbständigen Unternehmen mit sehr unterschiedlichen Betriebsgrößen so erfolgreich sein, weil sie so leistungsfähige Verbundunternehmen wie die Deka haben. 

Die Deka hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass für immer mehr Menschen Wertpapiere ein selbstverständlicher Teil ihrer persönlichen Finanzen sind. Damit stärkt sie die private Vermögensbildung. Und sie stärkt die Kapitalkraft der Unternehmen, in die sie investiert. Beides ist wichtig für eine Gesellschaft, die nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch insgesamt ihre Stabilität erhalten muss. Ich bin sehr froh, dass wir die Deka in der Gruppe haben.

Ich danke dem Vorstand und der gesamten Belegschaft für ihren Einsatz. Es macht Freude, mit Ihnen zu arbeiten. Die ersten 100 Jahre sind erfolgreich geschafft!

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