„Stiftungen sind das Kapital einer freiheitlichen Gesellschaft“

„Stiftungen sind das Kapital einer freiheitlichen Gesellschaft“

Um nachhaltig und dauerhaft für gesellschaftlichen Wandel zu wirken, gründen immer mehr Menschen in Deutschland Stiftungen. Warum Stiftungen dafür ein besonders geeignetes Instrument sind und was sie leisten können, um zivilgesellschaftliches Engagement und Teilhabe zu fördern, erläutert Prof. Dr. Michael Göring, Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und bis Mitte 2018 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen.

Es gibt über 22.000 Stiftungen in Deutschland, von denen sich 95 Prozent gemeinnützigen Themen widmen. Warum sind Stiftungen in Deutschland so beliebt?

Prof. Dr. Michael Göring: Ich denke, das hat viel damit zu tun, dass wir in einer sogenannten reifen Gesellschaft leben, einer mature society, wie man in der Soziologie sagt. Das heißt, wir leben in einer Gesellschaft, die seit drei Generationen keinen Krieg und damit auch keinen absoluten Wertverlust finanzieller Art erfahren hat. Von diesen Generationen konnten mindestens zwei schon erben. Das führt oft dazu, dass relativ viel Geld vorhanden ist, das nun für gemeinnützige Zwecke eingesetzt werden kann, weil viele andere Dinge erledigt und abgesichert sind und sich das Verantwortungsbewusstsein meldet. Das ist für eine Gesellschaft ein schöner Moment.

„Stiftungen sind das Kapital einer freiheitlichen Gesellschaft“
Prof. Dr. Michael Göring, Bild: D. Ausserhofer

Dazu kommt, dass wir in der Bundesrepublik in einer freiheitlichen Gesellschaft leben. Der Einzelne kann selbst bestimmen, wie und wem er sein Geld vererben möchte. Jeder von uns kann privates Vermögen erwirtschaften und kann dann auch damit tun und lassen, was er will. Es gibt da keine Verfügung, dass man zum Beispiel Geld nur zweimal oder nur dreimal vererben darf. Der freiheitliche Aspekt, selbst entscheiden zu können, was man mit seinem Geld anfangen möchte, ist sehr wichtig für ein florierendes Stiftungswesen.

Diese Freiheit wird von den Stiftungen selbst wiederum gestützt, weil sie dem Einzelnen ein Rechtsinstrument bieten, mit dem sie sich für die Gesellschaft engagieren können. Dieses Engagement für die Gemeinschaft, die Identifikation, aber auch die Kritik, der Wunsch etwas besser machen, Innovationen und Reformen voran bringen zu wollen: Das ist ein Moment, das die Freiheitlichkeit einer Gesellschaft stärkt. Anders gesagt: Stiftungen sind ein wesentliches Merkmal einer freiheitlichen und wachen Zivilgesellschaft.

 

Die Stiftungen stehen für viele tausend individuelle, bisweilen sich aber auch voneinander abgrenzenden Anliegen. Wie bündelt man diese Vielfalt in der Verbandsarbeit?

Göring: Nun, es gibt sehr viele gemeinnützige Zwecke. Allein die Abgabenordnung zählt über zwanzig. Aber im Grunde fassen viele Stifter in der Regel doch übergeordnete Gesichtspunkte ins Auge. Die wichtigsten Themen, die von Stiftungen behandelt werden, sind die Bildungsförderung, die im Moment sehr großes Augenmerk bekommt, die Wissenschaftsförderung, Kunst und Kultur sowie Gesundheitswesen. So beschäftigt etwa der Themenkomplex Bildung, Ausbildung, Integration mehr als 30 Prozent der deutschen Stiftungen.

Was nicht bedeutet, dass nicht auch eine kleine Stiftung, die ein ganz anderes Thema behandelt, etwa gesellschaftliches Engagement fördert oder sich um botanische Dinge kümmert, auf ihre Art ein Spiegelbild der Gesellschaft liefert. Wenn man sich die 22.000 Stiftungen in ihrer Gesamtheit anschaut, dann sind sie schon ein gutes Barometer dafür, was in der Gesellschaft insgesamt wichtig ist.

Wenn man sich die 22.000 Stiftungen in ihrer Gesamtheit anschaut, dann sind sie schon ein gutes Barometer dafür, was in der Gesellschaft insgesamt wichtig ist."
Prof. Dr. Michael Göring, Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und bis Mitte 2018 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen

In unserer Gesellschaft gibt es auf der einen Seite eine große Diversifizierung von Lebensmodellen und Lebensentwürfen, auf der anderen Seite sehr intensive Debatten darüber, wie Konsens und Zusammenhalt zu organisieren sind. Spiegelt sich das auch in der Stiftungslandschaft?

Göring: Man kann in der Tat beides beobachten. Der gesellschaftliche Zusammenhalt spielt bei vielen Stiftungen eine große Rolle. Die Frage ist: Wie bekommt man es hin, eine Gesellschaft, die immer stärker von Diversität gekennzeichnet ist, dennoch mit starken Mechanismen des Zusammenhalts auszustatten? In den vergangenen Jahren sind auch mehr und mehr Stiftungen entstanden, die sich über den Komplex von Freiheit und Demokratie Gedanken machen. Wir sehen ja in der Welt immer mehr shrinking spaces: In vielen Staaten schrumpfen die Handlungsspielräume der Zivilgesellschaft. Und da sind wir aufgefordert, uns Gedanken zu machen darüber, wie Demokratie gefördert und erhalten werden kann.

Stiftungen sind für mich das Kapital einer freiheitlichen Gesellschaft. Das kann man auch historisch sehr schön beobachten. Wir haben in der Zeit des Nationalsozialismus einen Stiftungsschwund großen Ausmaßes gehabt, und auch die DDR war immer davon ausgegangen, Stiftungen nicht zu benötigen. Dagegen hat es immer da, wo eine freiheitliche Grundordnung herrschte, Stiftungen gegeben. Das lässt sich im Römischen Reich beobachten, im alten Griechenland, auch im Islam oder im jüdischen Kontext. Stiftungen kamen immer dort ins Spiel, wo Menschen frei schaffen konnten und das Geschaffene langfristig erhalten wollten. Das ist eine ganz interessante Korrelation.

 

Stiftungen sind dem Zweck verpflichtet, für den sie gegründet worden. Wieviel Spielraum bedeutet das in der Praxis für den Vorstand einer Stiftung?

Göring: De jure ist eine Stiftung in der Tat an den Stiftungszweck gebunden. De facto raten wir jedem, der eine Stiftung gründen möchte, den übergeordneten Stiftungszweck möglichst breit zu formulieren. Also zum Beispiel, indem man sagt, der übergeordnete Zweck einer Stiftung sei die Förderung von Kunst und Kultur, und sie tue das insbesondere durch die Förderung der Bildenden Kunst, von jungen Künstlern oder von Ausbildungsmöglichkeiten für junge Musiker. Der übergeordnete Zweck sollte etwas sein, dass auch noch in fünfzig, achtzig oder hundert Jahren nachhaltig gefördert werden kann. Schließlich ist es das Ziel einer Stiftung, über einen langen Zeitraum genug Atem zu haben, um Dinge in Bewegung zu setzen.

 

Sie sind selbst im Vorstand der ZEIT-Stiftung - und damit auf Feldern aktiv, in denen gesellschaftlicher und technologischer Wandel sehr deutlich spürbar sind. Ist das eine besondere Herausforderung für die Stiftungsarbeit?

Göring: Wir haben das Glück gehabt, dass Gerd und Ebelin Bucerius als Stiftungsgründer eine sehr offene Satzung hinterlassen haben. Wir sind eine Stiftung, die Bildung, Kunst, Kultur und Wissenschaft fördert. Innerhalb dieser Eckpfeiler können wir eigene Schwerpunkte aufbauen. In der Wissenschaftsförderung ist dieser Schwerpunkt beispielsweise die Exzellenzförderung. Dort haben wir etwa die Bucerius Law School errichtet, um besonders begabte Studierende zu fördern und neue Impulse für die Ausbildung in den Rechtswissenschaften in Bewegung zu setzen.

In unserem Mentoring-Programm „WEICHENSTELLUNG“ haben seit 2013 insgesamt 1850 Kinder und Jugendliche teilgenommen - nicht nur in Hamburg, sondern auch an anderen Standorten in Deutschland. Zur Zeit werden 360 zugewanderte Kinder und Jugendliche hier in Hamburg gefördert und 134 weitere Kinder zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr für den Übergang auf die weiterführende Schule. Das Alleinstellungsmerkmal aller WEICHENSTELLUNGs-Programme ist das von uns so benannte „doppelte Lernen“: Sowohl die  Mentoren (Lehramtsstudierende) als auch die Mentees profitieren: Die Kinder werden gezielt und individuell betreut und begleitet. Die Studierenden sammeln praktische Erfahrungen und erweitern ihre Kompetenzen für ihre zukünftige berufliche Tätigkeit als Lehrkraft.

Es ist Aufgabe des Stiftungsvorstandes, sich aus der Breite der Themenfelder diejenigen Dinge herauszusuchen und zu bearbeiten, die im Moment gesellschaftlich besonders wichtig sind."
Prof. Dr. Michael Göring

Die Förderung von Kunst und Kultur haben wir mit der Leitlinie der kulturellen Identität und Innovation überschrieben. Und der vierte Themenschwerpunkt wird durch die gesellschaftliche Veränderung gesetzt, der wir uns auf den Feldern des Demokratie-Erhalts, der Globalisierung, des Qualitätsjournalismus und der Digitalisierung widmen. Das soll nur illustrieren, warum ich jedem Stifter dazu rate, eine möglichst breite Verfassung zu hinterlassen. Der Vorstand ist dann aufgefordert, sich darüber Gedanken zu machen, wie diese breite Verfassung strategisch klug umgesetzt werden muss. Es ist Aufgabe des Stiftungsvorstandes, sich aus der Breite der Themenfelder diejenigen Dinge herauszusuchen und zu bearbeiten, die im Moment gesellschaftlich besonders wichtig sind.

 

Sie haben gesagt, wer stiftet, will Dinge besser machen, Reformen und Innovationen auf den Weg bringen. Muss eine Stiftung also auch darauf achten, immer eine kritische Distanz zur Gesellschaft und zum gesellschaftlichen Mainstream zu wahren?

Göring: Kritische Distanz ist in allen Dingen gut. Man muss sicher nicht jeden gesellschaftlichen Trend aufgreifen wollen. Aber es gibt eben auch manchmal Entwicklungen, die sind mehr als eine Marotte. Da merkt man, hier keimt etwas. Und wenn man das dann ein Stück weit mitbefördern kann, ist das natürlich auch für eine Stiftung sehr attraktiv und für die Gesellschaft sehr wichtig.

Ein Beispiel: Um die Jahrtausendwende haben wir erstmals eine Bucerius Summer School zum Thema „global governance“ veranstaltet. Damals mussten wir noch erklären, was man unter diesem Begriff versteht. Inzwischen ist er längst Teil des politischen Diskurses geworden. Und weil es sich lohnt, jedes Jahr die besten Experten daranzusetzen und sich darüber Gedanken zu machen, wie die Rolle von Institutionen weiterentwickelt werden kann, führen wir diese Veranstaltung weiter fort.

Stiftungen sollten nicht zu weit von den Themen entfernt sein, die im Moment wichtig sind. Aber sie haben natürlich das Recht, sich ihre Themen selbst zu setzen. Das ist eben auch ein Teil unserer Freiheit. Wenn ein Stifter einen Themenkomplex aus der Philosophie, der Latinistik oder der Gräzistik fördern möchte, dessen Bedeutung der Allgemeinheit vielleicht nicht einleuchten mag, soll er das dennoch tun. Auch das ist Ausdruck unserer gesellschaftlichen Vielfalt.

 

Im angelsächsischen Raum kommt philanthropischem Engagement eine sehr große Bedeutung zu und besetzt oft auch Felder, für die bei uns staatliche oder öffentliche Institutionen zuständig sind. Wäre das auch für Deutschland eine Perspektive?

Göring: Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns von einem Bundesverband für Deutsche Stiftungen zu einem Bundesverband für Stiftungen und Philanthropie entwickeln. Es ist durchaus denkbar, dass wir auch in Deutschland andere Formen des philanthropischen Engagements bekommen. Der Begriff „Philanthropie“ ist in Deutschland nicht ganz so konnotiert wie in den Vereinigten Staaten. Bei uns versteht man darunter eher eine allgemeine Form von Großzügigkeit oder Spendenbereitschaft. Gerade das aber wollen wir mit dem Stiftungswesen professionalisieren. Es geht um mehr als nur ein gutmenschliches Mäzenatentum. Stiftungen arbeiten vielmehr wie soziale Unternehmen. Sie setzen sich ein Ziel, das sie erreichen wollen, und ermöglichen eine Bewertung und Begutachtung des Weges dorthin. Diese Art von Professionalisierung macht es möglich, Wirkung und Erfolge von Projekten zu analysieren.

Aber es ist durchaus möglich, dass über das klassische Stiftungsmodell hinaus andere Instrumente gefunden werden, um gemeinnützige Tätigkeiten zu ermöglichen. In den vergangenen Jahren haben wir einige Innovationen auch im Stiftungsbereich selbst vorangetrieben. Dazu gehört zum Beispiel die sogenannte Verbrauchsstiftung, die einem Stifter oder einer Stifterin die Möglichkeit gibt, Kapital für einen zuvor festgelegten Zeitraum gemeinnützig einzusetzen. Es war sehr wichtig, dass diese Art von Stiftung ähnliche finanzielle und steuerliche Vorteile eingeräumt bekommt wie die Ewigkeitsstiftung.

Insgesamt halte ich die klassische Stiftung immer noch für die beste Form, um nachhaltig in die Gesellschaft hinein zu wirken. Die Langfristigkeit und Professionalität der Verantwortlichen ermöglicht eine Institutionalisierung des Stiftungsanliegens.

Es gibt in unserer Gesellschaft viel mehr Altruismus als oft angenommen wird. Es gibt erstaunlich viele Menschen, die das Gefühl haben, Glück im Leben gehabt zu haben, und sich nun dafür bei den Menschen ihrer Stadt, ihres Umfelds, ihres Betriebs revanchieren möchten."
Prof. Dr. Michael Göring

Hinter vielen Stiftungen steht oft eine ganz konkrete biographische Geschichte oder eine Lebenserfahrung. Ist dieses biographische Element ein Grund, warum Stiftungen besonders wirksam sein können?

Göring: In der Biographie findet sich sicher oft ein Anlass für die Gründung einer Stiftung. Ein Bekannter, dessen Tochter an einem Melanom gestorben ist, hat eine Stiftung aufgebaut, die sich ganz fokussiert diesem medizinischen Bereich, der Hautkrebsforschung, zuwendet. Ein anderes Motiv ist Dankbarkeit. Das mag zunächst seltsam klingen, aber es gibt in unserer Gesellschaft viel mehr Altruismus als oft angenommen wird. Es gibt erstaunlich viele Menschen, die das Gefühl haben, Glück im Leben gehabt zu haben, und sich nun dafür bei den Menschen ihrer Stadt, ihres Umfelds, ihres Betriebs revanchieren möchten. Natürlich gibt es auch Menschen, die gerne im Rathaus der Stadt ein bisschen gefeiert werden möchten oder sich freuen, wenn eine Straße nach ihnen benannt wird und ihr Name erhalten bleibt. Aber das ist durchaus menschlich und nachvollziehbar.

 

Stiftungen galten lange als ein Instrument, das wohlhabenden Menschen vorbehalten ist. In den vergangenen Jahren sind jedoch auch viele Gemeinschafts- und Bürgerstiftungen entstanden. Wie ist diese Entwicklung zu bewerten?

Göring: Das ist in der Tat eine interessante Entwicklung. Wir haben mittlerweile mehr als 400 Bürgerstiftungen in Deutschland, und an diesem Wachstum sind ja auch die Sparkassen sehr beteiligt. Es gibt viele Bürgerstiftungen in der Bundesrepublik, die eine Starthilfe von ihrer lokalen Sparkasse bekommen haben. Bürgerstiftungen sind eine hervorragende Einrichtung, um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu praktizieren, weil sie eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern zusammenbringen, die sich für ihre Region, ihren Landkreis oder ihre Stadt engagieren wollen.

Die Bürgerstiftung ist die demokratischste Form des Stiftungswesens, weil sich jeder an ihr beteiligen kann. Ich kenne viele Menschen, die bereit sind, nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit zur Verfügung zu stellen, um ganz praktische Maßnahmen umzusetzen. Wenn man sich etwa anschaut, was Bürgerstiftungen im Herbst 2015 geleistet haben, als es darum ging, an den Bahnhöfen zu stehen und die Menschen aus Syrien und Afghanistan entgegen zu nehmen, das ist schon bemerkenswert.

 

Der Bundesverband möchte die rechtlichen Rahmenbedingungen für Stiftungen verbessern. Welche Aspekte sind dabei besonders wichtig?

Göring: Ein wichtiges Thema war die bereits erwähnte Flexibilisierung des Stiftungswesens durch die Anerkennung der Verbrauchsstiftungen. So vorteilhaft es einerseits ist, dass Stiftungen ein verbindliches und starres Instrument sind, so muss es doch gewisse Veränderungsmöglichkeiten geben, weil auch unsere Gesellschaft sehr viel flexibler geworden ist.

Eine Sparkasse hat, wie jede Bank, eine hohe Verantwortung für das Geld, über das sie verfügt und das sie mehren soll. Ebenso zeigen Stiftungen Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft. In den Sparkassenstiftungen treffen sich diese beiden Momente auf eine glückliche Weise."
Prof. Dr. Michael Göring

Eine weitere wichtige Flexibilisierung wäre die Möglichkeit der Veränderung des Satzungstexts durch den Stifter oder durch die Stifterin selbst zu Lebzeiten. Das ist eigentlich etwas, was den meisten Menschen schnell eingängig ist, von einigen Juristen aber anders gesehen wird. Für die gilt: Eine Stiftung ist einmal gegründet und steht dann mit diesem Satzungstext da für immer. Da möchten wir doch dafür plädieren, dass ein Stifter zwar keinesfalls das Recht hat, sein Geld zurückzuholen, aber doch das Recht, einen Stiftungszweck breiter zu formulieren und an aktuelle Entwicklungen anpassen zu können. Dazu muss man auch berücksichtigen, dass Stiftungsgründer heute im Schnitt jünger sind als früher. Es sind nicht mehr nur über 70-jährige, die eine Stiftung ins Leben rufen, sondern auch 40- bis 50-jährige haben oft schon finanziell ausgesorgt und möchten etwas Bleibendes aufbauen. Da kann es durchaus vorkommen, dass sie im Laufe ihres Lebens noch einmal über den Stiftungszweck nachdenken möchten.

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir darauf dringen, die Rahmenbedingungen für Stiftungen verbindlicher und bundeseinheitlicher zu regeln. Stiftungen sind nach unserem föderalen Grundverständnis länderweise organisiert, und jedes Bundesland hat sein eigenes Landesstiftungsgesetz. Da gibt es von Land zu Land oft erhebliche Unterschiede in den Vorschriften. Da würden wir gerne für mehr Klarheit sorgen.

 

Welche Rolle könnten die Sparkassen dabei spielen, dem Stiftungswesen noch mehr Auftrieb zu verschaffen?

Göring: Die Sparkassen haben einen ganz großen Vorteil: Sie kennen ihre Kunden. Darunter sind viele Menschen, die in ihrer Region erfolgreich waren und die für ein solches Anliegen angesprochen werden können. Die Sparkassen sind da in den vergangenen Jahren auch sehr aktiv geworden, beispielsweise indem sie Dachstiftungen aufgebaut haben, innerhalb derer Namensfonds errichten werden können, oder durch die erwähnte Unterstützung beim Aufbau von Bürgerstiftungen.

Das ist für die Sparkassen ja durchaus auch ein einträgliches Geschäftsmodell und eine sinnvolle Geschäftsstrategie, auf diese Weise das Geld im Haus zu halten und zugleich der regionalen Verpflichtung gerecht zu werden. Eine Sparkasse hat, wie jede Bank, eine hohe Verantwortung für das Geld, über das sie verfügt und das sie mehren soll. Ebenso zeigen Stiftungen Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft. In den Sparkassenstiftungen treffen sich diese beiden Momente auf eine glückliche Weise.