Impulsvortrag von Georg Fahrenschon anlässlich der Handelsblatt-Jahrestagung „Banken im Umbruch“

02.09.2015 – Rede von Georg Fahrenschon, Präsident des DSGV

Impulsvortrag des Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon, anlässlich der Handelsblatt-Jahrestagung „Banken im Umbruch“ zum Thema „Tradition und Innovation: die Sparkasse 4.0“

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine Damen und Herren,

das Thema „Banking 4.0“ beschäftigt derzeit fast alle in der Kreditwirtschaft. Glaubt man der veröffentlichten Meinung, so geht es um nicht weniger als die Neuerfindung des Bankgeschäfts. Das ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht richtig. ´Techné´ beschreibt altgriechisch das Wissen darum, wie´s gemacht wird. Deshalb ist ´Technik´ auch mehr als eine Ansammlung von Algorithmen. Und ´Digitalisierung´ bedeutet nicht, als erster die schönsten Apps zu haben. Ich verstehe Digitalisierung in erster Linie als ein engeres Verhältnis zum Kunden: Erstmals in der Geschichte erlebt ein Kunde gegenüber seinem Kreditinstitut fast keine Begrenzungen mehr – weder räumlich, noch zeitlich.

Für die Industrialisierung 3.0 war die technologiebasierte Steuerung typisch – Rechensysteme, die teilweise menschliche Einschätzungen abgelöst haben. Das war in der Kreditwirtschaft nicht nur vorteilhaft. Jedenfalls war die Folge eine Regulierungsflut, um die Risiken dieser Entwicklung wieder einzudämmen. Industrie 4.0 ist nach meiner Einschätzung etwas ganz anderes: Es bedeutet, dass Werkstücke Maschinen sagen, was mit ihnen zu tun ist.

Individualisierung und Flexibilität bekommen damit eine völlig neue Dimension. In der klassischen Finanzdienstleistung haben wir es aber immer mit Menschen zu tun. „Banking 4.0“ heißt folgerichtig, dass Kunden stärker denn je bestimmen, was sie wann nutzen wollen. Sie sind die Könige der Geschäftsbeziehung – so stark wie noch nie in der Geschichte.

Digitalisierung heißt also für uns als Sparkassen, jederzeit mit unseren Leistungen, vor allem im Zahlungsverkehr, Teil der täglichen Lebenswelt des Kunden zu sein; unsere Kunden überall hin zu begleiten, möglichst mit ihren persönlich bekannten Beratern, und den Kunden jederzeit und überall eine umfassende Analyse und Steuerung ihrer gesamten finanziellen Lebenswelt zu ermöglichen und damit Mehrwerte zu schaffen.

Die Digitalisierung gibt uns die Möglichkeit, schneller und preiswerter zu werden und unsere Kunden besser zu verstehen. Und für uns als dezentraler Verbund bedeutet Digitalisierung auch eine einzigartige Möglichkeit, bisher verteiltes Wissen allen nutzbar zu machen.

Das Bundesforschungsministerium  definiert Industrie 4.0 als „dynamische Netzwerke“, „die auftrags- und produktspezifisch ihre Kapazitäten zusammenschließen“. Das ist fast eine Definition der Sparkassen-Finanzgruppe! Eine „erfolgreiche Bank von morgen“ ist also weniger eine Bank, als ein präsenter und unkomplizierter Alltagsbegleiter, den ein Kunde gerne in seinem nächsten Umfeld nutzt. Die entscheidende Zukunftsfrage ist, wer das am besten kann: FinTechs oder Kreditinstitute? Banken oder Sparkassen?

    Wie gehen die Sparkassen und Landesbanken konkret mit der Herausforderung „4.0“ um? Unsere Voraussetzungen sind hervorragend: Wir haben die meisten Kundenverbindungen. Wir haben größte persönliche Kundennähe und das höchste Kundenvertrauen. Wir haben die größten Mengengerüste, nicht zuletzt im Zahlungsverkehr. Und wir haben einen leistungsfähigen Allfinanzverbund, der aus eigener Kraft alle Finanzdienstleistungen anbieten kann.

    Notwendig ist allerdings ein geschärftes Zielbild, wofür wir in der neuen Finanzwelt stehen wollen. Ohne eine solche Fokussierung kann man sich schnell in der Vielzahl der technischen Möglichkeiten verirren. Unsere Markenpositionierung ist da sehr klar: Wir machen es den Menschen einfach, ihr Leben besser zu gestalten – das ist die Kernaufgabe von Sparkassen. Finanzprodukte sind ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Wir wollen dieses Versprechen vor allem über persönliche Nähe und besondere Sicherheit einlösen und uns dort wahrnehmbar von unseren Wettbewerbern unterscheiden. Diese Grundpositionierung hat nun ganz praktische Konsequenzen für unsere Digitalisierungsstrategie. Ich nenne nur fünf Punkte:

    Erstens: Ausgangspunkt unserer Strategie ist der Kunde mit seinem konkreten Lösungsbedarf, nicht das Produkt. Es steht also nicht das Girokonto als solches im Fokus, sondern das, was Girokonto für unsere Kunden bedeutet: Überblick über die eigenen Finanzen, Sicherheit und Bequemlichkeit in der Abwicklung von Zahlungen, Zugang zu allen anderen Finanzdienstleistungen.

    Die Kundenzufriedenheit wird zu einer entscheidenden Steuerungsgröße. Um uns hier zu verbessern, werden die Kundenprozesse entrümpelt: Weniger Unterschriften, synchronisierte Abläufe, schlankere Abwicklung und keine Mehrfachabfragen von Kundeninformationen mehr. Wir modernisieren und erweitern dazu unser Kernbanksystem OSPlus der Finanzinformatik. OSPlus-neo ist eine kanalübergreifende Plattform mit identischer Oberfläche für Kunde und Berater. Erste Geschäftsprozesse sind bereits in diesem Jahr nutzbar. Das wird ein entscheidender Produktivitätsvorteil.

    Zweitens: Nähe kann in Zeiten der Digitalisierung nicht allein in Metern gemessen werden. Unsere eigentliche Aufgabe ist es, persönliche Nähe zu gewährleisten. Unsere Mitarbeiter werden also noch wichtiger als früher. Wir integrieren überall, wo es online und in Apps möglich ist, den persönlichen Berater. Hierzu wird die Internetfiliale vollständig modernisiert und die Videoberatung eingeführt. Sie ist heute bereits für alle Häuser verfügbar. Sparkasse ist, wenn mich mein persönlicher Berater mit allen Daten und Fakten im Smartphone in der Hosentasche begleitet!

    Das elektronische Postfach wird die Kommunikationsdrehscheibe über alle Kanäle, also Internetfiliale, Apps und stationär. Auch dieses ist bereits nutzbar. Künftig werden alle Dokumente, also auch die der Verbundunternehmen, hier hinterlegt. Das ist ein großer Schritt hin zu einem integrierten Verbundauftritt.

    Wir sind in der Realisierung der Digitalisierung bereits sehr weit: Die Sparkassen haben 17,3 Mio. Online-Kunden – mehr als jeder andere Anbieter. Unsere Internetfiliale erreicht jährlich rund 800 Mio. Aufrufe. Rund 40 Mio. Dokumente liegen schon jetzt als elektronisches Gedächtnis der Kunden im ePostfach. Und wir haben nach unabhängigen Bewertungen die beste Banking-App. Allein über diese App kommen Kunden im Schnitt 16mal im Monat zu uns.

    Drittens: Wir erleichtern die Zugänglichkeit und erhöhen die Bequemlichkeit für unsere Kunden durch mehr und bessere digitale Angebote. Beispiele für „kleine“, die Kunden unterstützende Innovationen sind, die Push-TAN, die sichere Überweisungen mit einem einzigen mobilen Endgerät ermöglicht, der GiroCode, der Überweisungsformulare ersetzt, der Kontowecker, der den Kunden aktiv über wichtige Ereignisse auf seinem Konto informiert, oder auch das Klicksparen, das regelmäßige Sparvorsorge digital einfach macht. In der Pilotierung ist giro4friends, mit dem Überweisungen zwischen Smartphones möglich werden.

    Allen diesen Einzelanwendungen liegt ein klares Zukunftsbild zugrunde: Das Sparkassen-Girokonto ist die Drehscheibe und Informationsplattform des finanziellen Lebens für jeden Kunden – ein Medium, das ein digitales Gedächtnis darstellt und unsere Kunden proaktiv dabei unterstützt, ihr Leben besser zu gestalten. 

    Viertens: Die Digitalisierung hat natürlich auch Konsequenzen für unser stationäres Geschäftsstellennetz. Die Kunden kommen schon heute 200mal häufiger über die SparkassenApp zu uns als über die Geschäftsstelle. Daraus ziehen wir Konsequenzen und passen auch das Geschäftsstellennetz den neuen Bedürfnissen an. Ich bekenne mich klar zu einer flächendeckenden Präsenz mit Geschäftsstellen. Die große Mehrheit der Kunden will diesen unmittelbaren persönlichen Kontakt. Geschäftsstellen müssen die Orte sein, die durch Beratung Mehrwerte liefern. Sie müssen deshalb im Personal, in der Kompetenz und in der Bedeutung aufgewertet werden.
     
    Umgekehrt benötigen wir Geschäftsstellen immer weniger für reine Abwicklungsaufgaben. Diese wandern sehr viel stärker fallabschließend in digitale Kanäle. Die Konsequenz ist: Die Sparkassen werden künftig weniger, aber höherwertige Geschäftsstellen haben. Dieser Qualitätssprung trifft genau die Kundenerwartungen. Die Flächenpräsenz werden wir durch den Ausbau des Online-Angebots, durch Kooperationen mit dem Einzelhandel, durch mobilen Vertrieb und durch den Einsatz rollender Geschäftsstellen sichern. Wir werden keine Region aufgeben!

    Und schließlich fünftens: Der Payment-Bereich erfährt eine deutliche strategische Aufwertung. FinTechs und reine Zahlungsdienstanbieter greifen hier die Kreditinstitute ohne Ausnahme an. Natürlich richten sich jetzt Fragen an uns: Seid ihr schnell genug? Warum hängt ihr so sehr an bisherigen Zahlungsverfahren? Warum setzt ihr nicht sofort ausschließlich auf das Smartphone? Ich habe Verständnis für diese Fragen. Allerdings sollte man nicht vor lauter Begeisterung für neue Anbieter und neue Verfahren die Realitäten des Marktes aus dem Blick verlieren: Sparkassen und Landesbanken sind im Payment in Europa eindeutiger Marktführer. Wir wickeln mehr Zahlungsvorgänge ab als alle Banken in Spanien oder Italien zusammen.

    Wir müssen den Blick dafür behalten, welche Zahlungsverfahren Kunden heute wirklich nutzen :  53,2 Prozent aller Zahlungvolumina erfolgen bar, 29,4 Prozent über die Girocard, 8,3 Prozent mit Überweisungen oder Lastschriften. Mobile Zahlungen hingegen sind heute volumenmäßig für die Bundesbank gar nicht messbar. Und Internetbezahlverfahren machen trotz starken Wachstums bisher nur 2,8 Prozent des Gesamtmarktes aus. Aber 97 Prozent der Deutschen haben eine girocard, meist eine SparkassenCard.

    Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, die Weiterentwicklung des Zahlungsverkehrs in mobile Anwendungen aus der heutigen Realität heraus zu gestalten. Revolutionen finden vornehmlich im Feuilleton statt. In der Wirklichkeit geht es um Evolution! Das gilt auch für das mobile Bezahlen. Apple Pay setzt hier auf die NFC-Technologie. Das ist gut. Wir sind mit NFC auf der SparkassenCard bereits 45 Mio. Mal real im Markt. Vielleicht wirkt eine Karte für Beobachter nicht so sexy wie ein iPhone. Tatsächlich sorgen aber wir dafür, dass die Kunden mit einem vertrauten Medium neueste Chip-Technologie nutzen können. Es ist völlig klar, dass die Karte in nicht ferner Zukunft in das Smartphone wandern wird und dass wir das machen werden.

    In diesem Zusammenhang auch ein Wort zu paydirekt. Wir – Sparkassen und Landesbanken – haben uns entschlossen, dieses gemeinsame Bezahlverfahren der Deutschen Kreditwirtschaft zu unterstützen. Als Marktführer waren wir die einzigen, die sich realistisch eine eigene Lösung offenhalten konnten. Wir sind dem gemeinsamen Verfahren dann beigetreten, als wir für unsere Kunden und uns selbst ausreichend Vorteile gesehen haben. Jetzt stehen wir zum gemeinsamen Antritt der deutschen Kreditwirtschaft. Klar ist aber auch: Entscheidend für den Erfolg ist die Mitwirkung der Sparkassen mit ihren 34 Mio. Privatgirokonten.

    Angesichts der Marktverteilung geht es los, wenn wir mitmachen! Wir legen dabei allergrößten Wert auf Sicherheit und Qualität. Deshalb müssen die neusten Verschlüsselungstechnologien eingesetzt und umfangreich getestet werden – auch um den Preis, dass das Zeit kostet. Deshalb raten wir dazu, in diesem Jahr zunächst die bereits fertigen Anwendungen umfangreich mit Mitarbeitern und einzelnen Instituten zu testen.

    Wir sollten nach dem Weihnachtsgeschäft bei den Händlern mit dem neuen Zahlungsverfahren durchstarten. Sobald ausreichend viele Händler gewonnen worden sind – auch das braucht Zeit-, werden wir die Privatkunden zur Nutzung einladen. Millionen von Girokonten sollte man nicht mit einem Big Bang auf ein neues System aufschalten. Solide ist das so möglich, dass in der Breite unsere Kunden im Frühsommer das neue System nutzen können, einzelne sicher auch schon deutlich eher. Für die Händler wird es wichtig sein, dass es schon bald mit dem Preisdiktat eines Payment-Anbieters vorbei ist und dass dieser Wettbewerb viele Vorteile für sie hat. Und die Endkunden werden schätzen, dass hier nicht ihre Zahlungsverkehrsgewohnheiten ausgeforscht und ihre Daten an Unbefugte verscherbelt werden. Das ist der entscheidende Unterschied zu den meisten reinen Zahlungsdiensteanbietern.

    Nun sollten wir aber nicht so tun, als wenn wir Digitalisierungsstrategien ohne jegliche Rücksicht auf andere Marktgegebenheiten betreiben könnten. Ich will Ihnen deshalb in den letzten Minuten auch zwei begrenzende Faktoren nennen:

    Begrenzender Faktor Nummer 1: Niedrigzins und betriebswirtschaftlicher Druck. Es ist kein Geheimnis, dass die Niedrigstzinsphase der klassischen Finanzwirtschaft zu schaffen macht. Das betrifft vor allem einlagenstarke Institute, die sich im Stresstest „Finanzkrise“ als stabil erwiesen haben. Deshalb müssen wir unser Geld zusammenhalten und sparen. Mit der Digitalisierung stehen erhebliche Investitionen in die Kundenverbindung an. Dazu müssen wir auch unseren Trägern sagen, dass das Kapital in der Sparkasse benötigt wird.

    Zweiter begrenzender Faktor: die Regulierung und ihre Kosten. Ich möchte, dass sich Sparkassenvorstände nicht in erster Linie mit der Umsetzung von Regulierungen beschäftigt werden, sondern sich endlich wieder vor allem um Kunden und Märkte kümmern können. Wir brauchen eine Regulierungspause, ein „europäisches Sabbatical“, um widersprüchliche und kontraproduktive Vorschriften auszufiltern. Mehr und bessere Regulierungen sind allerdings dort nötig, wo es um den Schutz von Kundendaten geht. Dazu sollte Europa endlich der Ausforschung der Kunden durch internationale Internetkonzerne und Zahlungsdiensteanbieter Grenzen setzen!

    Durch alle diese Faktoren ist unsere Gruppe stark gefordert. Wir sind ein Verbund selbstständiger Unternehmen – eine Demokratie im Wirtschaftsleben. Ich bin als Präsident einer dezentralen Gruppe gewählt worden, nicht als Konzernchef. Wir müssen aber auch erkennen: Wir brauchen künftig schnellere Entscheidungen und klarere Verantwortlichkeiten. Dazu müssen wir die Entscheidungsmacht der Vorstände vor Ort respektieren und gleichzeitig die Verbindlichkeit und auch die finanziellen Ressourcen auf Spitzenebene stärken. Ich bin froh, dass wir diese Diskussion in der eigenen Gruppe führen. Sie ist nicht einfach, aber notwendig.

    Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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