
Konjunkturprognose 2026: Fragile Erholung – großer Reformbedarf
Nach drei Jahren wirtschaftlicher Stagnation zeichnet sich im Jahr 2026 erstmals eine leichte Erholung für die deutsche Volkswirtschaft ab. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) geht in seiner aktuellen Konjunkturprognose von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von rund 1,0 Prozent aus.
Damit würde Deutschland wirtschaftlich wieder zu Frankreich aufschließen und nur knapp unter dem erwarteten Durchschnitt des Euroraums liegen.
Allerdings bleibt dieser Aufschwung fragil. Ein erheblicher Teil des Wachstums wird durch staatliche Sonderausgaben getragen, insbesondere im Bereich Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung. Für 2026 rechnen die Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe damit, dass rund 0,4 Prozentpunkte des BIP-Wachstums auf diese staatlichen Impulse zurückgehen – im kommenden Jahr könnten es sogar 0,5 Prozentpunkte sein.
„Das ist eine Sonderkonjunktur, aber keine Lösung für strukturelle Probleme“, ordnet DSGV-Präsident Prof. Dr. Ulrich Reuter ein.
Internationale Unsicherheiten und neue Partnerschaften
Die Prognose wird in einen größeren weltwirtschaftlichen Kontext eingebettet. Laut Reuter wird 2026 zu einem entscheidenden Wendepunkt: Der internationale Handel steht zunehmend unter Druck, globale Krisenherde nehmen nicht ab, und protektionistische Tendenzen – etwa im Verhältnis zu den USA – gewinnen an Bedeutung.
Zentral sei daher die Stärkung europäischer Handlungsfähigkeit. Das Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten, das eine Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern schaffen würde, bewertet der DSGV als strategische Chance.
Die wiederholten Verzögerungen wertet Reuter hingegen als Rückschlag. Auch der europäische Binnenmarkt gewinnt an Bedeutung: Bereits heute gehen mehr als die Hälfte der deutschen Exporte in EU-Partnerländer. Vor dem Hintergrund globaler Unsicherheiten sei das ein stabilisierender Faktor.
Inflation rückläufig – Industrie zeigt positive Signale
Auf der nationalen Ebene hellt sich das Bild ebenfalls auf. Nach belastenden Jahren sinkt die Inflation spürbar, zuletzt auf 1,8 Prozent im Dezember 2025 – der niedrigste Stand seit Herbst 2024. Auch im Euroraum wird 2026 mit niedrigen Verbraucherpreisen gerechnet.
Weitere Signale stabilisieren das Bild:
- Die deutsche Industrie verzeichnet ein überraschend starkes Auftragsplus von 5,6 Prozent
- 2025 war ein Rekordjahr für Start-ups: 3.568 Gründungen bedeuteten ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
- Steigende Reallöhne stützen den Privatkonsum, wie die Daten der Gemeinschaftsprognose zeigen (Grafik Seite 16)
Diese Entwicklungen zeigen: Potenzial ist vorhanden – aber strukturelle Hemmnisse bremsen weiterhin.
Drei zentrale Reformfelder
Die Konjunkturprognose benennt drei strategische Bereiche, in denen Reformen wirtschaftliche Dynamik entfalten können.
1. Bürokratie abbauen und Digitalisierung vorantreiben
Langwierige Genehmigungsverfahren, regulatorische Komplexität und analoge Verwaltungen gelten seit Jahren als Investitionsbremsen. Auf Basis der Prognose schlägt der DSGV u. a. vor:
- digitale Behördenverfahren
- verbindliche Genehmigungsfristen
- umgekehrte Beweislast: „Genehmigen, wenn Behörden nicht fristgerecht widersprechen“
2. Sozial- und Rentensystem zukunftsfest gestalten
Demografischer Wandel und steigende Lohnnebenkosten verschärfen strukturelle Probleme. Notwendig seien laut Prognose:
- Begrenzung der Lohnnebenkosten
- Schließen von Rentenlücken
- Abbildung steigender Lebenserwartung in der Lebensarbeitszeit
3. Infrastruktur modernisieren – analog, digital, resilient
Marode Brücken, Engpässe in Strom- und Wärmenetzen sowie digitale Verwundbarkeit hemmen Produktivität und werden zunehmend zum Sicherheitsrisiko. Die Investitionslücke sei nur mit öffentlichen und privaten Mitteln schließbar. Dafür müssten attraktive Rahmenbedingungen geschaffen werden – etwa für Kleinanleger, die Infrastruktur mitfinanzieren wollen.
Fazit
Die Wirtschaft in Deutschland bewegt sich 2026 aus der Stagnation heraus – aber langsam und unter Risiken. Der Weg zu nachhaltigem Wachstum führt aus Sicht des DSGV über strukturelle Reformen, europäische Zusammenarbeit und Investitionen in Zukunftsfähigkeit.
Die Signale für eine Erholung sind da. Entscheidend ist nun, den Anschluss nicht zu verspielen.