
Bürokratie abbauen, Dynamik entfesseln: Dieses Ziel gehört zu den zentralen Vorhaben der Bundesregierung in dieser Legislaturperiode. Ein Jahr nach dem Start der schwarz-roten Koalition zeigt sich jedoch: Bis aus dem Anspruch spürbare Entlastung wird, ist es noch ein weiter Weg.
Denn bislang nehmen Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Unternehmen kaum Erleichterungen wahr. Laut einer YouGov-Umfrage aus März 2026 sagen 66 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, der bürokratische Aufwand sei seit Amtsantritt der Bundesregierung in etwa gleich geblieben; 22 Prozent sehen sogar eine Zunahme. Ähnlich fällt das Urteil der Unternehmen aus: 63 Prozent berichten von unverändertem Aufwand, 31 Prozent von mehr Bürokratie. Nur 4 Prozent erkennen eine spürbare Entlastung.
4 Expertinnen und Experten geben Impulse für einen spürbaren Abbau von Bürokratie
Wo und wie kann bürokratischer Aufwand also verringert werden, damit es zu spürbaren Entlastungen kommt? Das haben wir vier Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Themenfeldern gefragt. Lesen Sie hier ihre Impulse.
Wie Bürokratieabbau der Schlüssel für Investitionen und Wachstum des Mittelstands sein kann

Michael Engelhard, Leiter Gruppe Bankaufsicht und Grundsatzfragen im DSGV
"Bürokratieabbau ist ein zentraler Hebel für Wachstum."
Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft leidet unter hoher Bürokratie: Der jährliche Erfüllungsaufwand für den Mittelstand bewegt sich in zweistelliger Milliardenhöhe. Diese Belastungen binden Ressourcen, hemmen Investitionen und schwächen die Wettbewerbsfähigkeit.
Als Hauptfinanzierer des Mittelstands stellen die Sparkassen fest: Eine Finanzierung von Investitionen – auch im Rahmen der Transformation – ist grundsätzlich verfügbar, scheitert jedoch häufig an Unsicherheit. In einem Umfeld schwacher Konjunktur sind daher Zukunftsperspektiven, Planungssicherheit und unternehmerische Freiräume entscheidend. Bürokratieabbau ist damit ein zentraler Hebel für Wachstum.

Der jährliche Erfüllungsaufwand für Bürokratie für den Mittelstand bewegt sich in zweistelliger Milliardenhöhe.
Praktikabilität und Proportionalität sind jetzt entscheidend
Doch der Bürokratieabbau bei der Finanzierung reicht nicht aus: Notwendig ist vor allem eine deutliche Reduzierung von Berichts-, Dokumentations- und Nachweispflichten für Mittelständler; Informationspflichten müssen proportional ausgestaltet sein. Anforderungen – auch zur Nachhaltigkeit – müssen praktikabel sein und dürfen KMU nicht zusätzlich belasten.
Auch im Finanzierungsprozess sind Entlastungen notwendig: Aufwendige Prüf- und Dokumentationspflichten verteuern Kredite und belasten insbesondere kleinvolumige Finanzierungen unverhältnismäßig. Bankaufsichtlich sollte die Identifikation von KMU einer harmonisierten Logik folgen und pragmatisch ausgestaltet sein – eine kleine Anpassung mit großer Wirkung. ESG-Vorgaben für Banken müssen stärker an der tatsächlichen Datenverfügbarkeit ausgerichtet werden, um zusätzliche Belastungen für Unternehmen zu vermeiden. Zudem ist eine Anwendung der Proportionalität in der Bankenregulierung erforderlich: So kann ein eigenständiges Regulierungsregime für risikoarme, regional tätige Institute („Kleinbankenregime“) spürbare Entlastungen schaffen – gerade weil diese Institute für die Mittelstandsfinanzierung von zentraler Bedeutung sind.
Ein wirksamer Bürokratieabbau stärkt die Investitionsfähigkeit des Mittelstands, verbessert den Zugang zu Finanzierung und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist jetzt vor allem eines: Umsetzung statt weiterer Ankündigungen.

Der Experte
Michael Engelhard
Michael Engelhard ist Leiter der Gruppe Bankaufsicht und Grundsatzfragen im Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Er beschäftigt sich neben Fragen der Bankaufsicht mit Bürokratieabbau, um die Belastung bei Kundinnen und Kunden sowie finanzierenden Instituten zu reduzieren.
Wie der Abbau von Bürokratie die Baukosten senken kann

Irina Berenfeld, Referentin Wohnungs- und Vermögenspolitik, Bundesgeschäftsstelle Landesbausparkassen im DSGV
"Gerade Haushalte mit begrenztem Eigenkapital hätten wieder mehr Chancen auf Wohneigentum."
Baukosten sind zu einem guten Teil auch Bürokratiekosten. Laut Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) sind die Bauwerkskosten seit dem Jahr 2000 um rund 160 Prozent gestiegen. Ein wesentlicher Treiber sind steigende Bürokratie-Anforderungen an Gebäude – teils gesetzlich, etwa bei energetischen Standards, teils durch komfortorientierte Baunormen.

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Baustandards verschlanken, Rechtssicherheit schaffen und Bauverfahren beschleunigen
Ein erster Ansatzpunkt zum Bürokratieabbau ist daher die Verschlankung dieser Standards. Es braucht eine klare Unterscheidung zwischen notwendigen und optionalen Anforderungen sowie einen definierten Basis-Baustandard. Ein Beispiel: Eine Geschossdecke muss statisch korrekt dimensioniert sein, während ein erhöhter Schallschutz optional vereinbart werden kann.
Zweitens muss der Verzicht auf nicht sicherheitsrelevante Standards rechtssicher möglich sein. Heute führen Haftungsrisiken dazu, dass selbst freiwillige Normen faktisch verpflichtend werden. Die geplante Einführung eines Gebäudetyps E setzt hier an: Abweichungen sollen künftig nicht mehr automatisch als Mangel gelten – bei transparenter Aufklärung aller Beteiligten.
Drittens gilt es, Verfahren zu beschleunigen: Digitale Bauanträge, verbindliche Abläufe und weniger Doppelprüfungen können Planungssicherheit schaffen und Kosten senken.
Wenn es gelingt, so das Bauen günstiger zu machen, profitieren auch angehende Selbstnutzer – selbst dann, wenn sie weiterhin vorrangig Bestandsimmobilien erwerben. Mehr Neubau bringt Bewegung in den Markt, entlastet den Bestand und stabilisiert die Preise. Gerade Haushalte mit begrenztem Eigenkapital hätten so wieder mehr Chancen auf Wohneigentum.

Die Expertin
Irina Berenfeld
Irina Berenfeld arbeitet als Referentin in der Bundesgeschäftsstelle der Landesbausparkassen im Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Berlin. Schwerpunktmäßig beschäftigt sie sich mit den Themen Wohnungsmarkt, Wohneigentum und Vermögensbildung.
Wie ein zeitgemäßer AGB-Änderungsmechanismus Verbraucherschutz und Bürokratieabbau verbindet

Dr. Abbas Samhat, Abteilungsdirektor Recht, Steuern und Verbraucherschutz im DSGV
"Ein moderner AGB-Änderungsmechanismus ist ein zentraler Hebel für echten Bürokratieabbau."
Im Massengeschäft ist es kaum handhabbar, ausdrückliche Zustimmungen für marginale AGB-Änderungen einzuholen. Und doch ist dieser aufwendige und teure Zustimmungsprozess aktuell notwendig – Auslöser ist das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 27. April 2021. Das Resultat: Kundinnen und Kunden, die auf AGB-Änderungen nicht reagieren, können in eine Kündigungssituation geraten; notwendige Anpassungen und Innovation werden ausgebremst; die Rechtsunsicherheit steigt. Dieser aktuelle Zustand ist nicht verbraucherfreundlich und höchst bürokratisch.
Starker Verbraucherschutz und unbürokratische Zustimmungsregeln sind möglich
Ein moderner AGB-Änderungsmechanismus kann Verfahren vereinfachen, ohne den Verbraucherschutz zu schwächen – und ließe sich gesetzgeberisch erreichen. Ein bewährter Ansatz hierfür ist eine Zustimmungsfiktion mit klaren Leitplanken: Transparente Information, angemessene Fristen, ein zweimonatiges Widerspruchsrecht zugunsten der Kundschaft und das Recht, jederzeit zu kündigen.
Ein gestuftes Modell ist dabei besonders interessengerecht:
- Ausdrückliche Zustimmung bei wesentlichen Änderungen – z. B. ein neuer Vertragsabschluss oder die Einführung eines neuen Entgelts für bisher unentgeltliche Leistungen.
- Zustimmungsfiktion für unwesentliche Anpassungen – z. B. Anpassung bereits ausdrücklich vereinbarter Kontoführungsentgelte, rein technische oder vorteilhafte Anpassungen.
Diese Ansätze reduzieren bürokratische Lasten erheblich, beschleunigen Prozesse und schaffen Planungssicherheit für die Vertragsparteien. Sie zeigen, wie moderner Bürokratieabbau funktionieren kann: Mit einfacheren Verfahren und spürbarer Entlastung im Alltag der Menschen. Denn auch Verbraucherinnen und Verbraucher profitieren durch verständlichere Kommunikation, weniger Zustimmungsanfragen und weiterhin starke Widerspruchs- und Kündigungsrechte. Bürokratieabbau bedeutet hier also nicht weniger Schutz, sondern mehr Effizienz bei gleichbleibender Fairness.

Der Experte
Dr. Abbas Samhat
Dr. Abbas Samhat ist Abteilungsdirektor und Syndikusrechtsanwalt in der Rechtsabteilung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands in Berlin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem AGB-Recht und dem Kreditsicherungsrecht. Er ist Autor vieler Beiträge in diesen Bereichen.
Wie der Bürokratieabbau in der Digitalisierung eine Balance zwischen Schutz und Innovation schaffen kann

Sebastian Garbe, Leiter Abteilung Digitalisierung im DSGV
"Ein maßvoller Bürokratieabbau ist essenziell, um IT-Ressourcen in Innovationen statt rein in Compliance zu investieren."
Die Digitalisierung braucht verlässliche Leitplanken – das gilt auch im Finanzbereich. Dabei hat Regulierung einen besonderen Einfluss: Sie kann entweder einen sinnvollen Rahmen geben oder hemmend wirken – nämlich da, wo administrative Hürden neue Services verlangsamen. Ein maßvoller Bürokratieabbau ist essenziell, um IT-Ressourcen in Innovationen statt rein in Compliance zu investieren.
DSGVO, PSD3/PSR, FIDA: Sinnvolle Ziele, aber Harmonisierung notwendig
Deutlich wird dies bei Vorgaben wie der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), der Reform des europäischen Zahlungsdiensterechts (PSD3/PSR) und dem Financial Data Access (FIDA), einer EU-Verordnung zur Regelung des Zugangs zu Finanzdaten. Alle drei Regelungen verfolgen unbestritten wichtige Ziele wie Datenschutz und Sicherheit. In der Praxis bremsen sie jedoch oft durch Überschneidungen.
Ein Beispiel: Wenn die Pflicht zur Datenöffnung – geregelt durch die FIDA – auf strenge Datenschutz-Vorgaben – geregelt durch die DSGVO – trifft, dann entstehen Rechtsunsicherheiten. Verbraucherinnen und Verbraucher erleben die Folgen oft als ermüdende Zustimmungskaskaden.
Daher ist die konsequente Harmonisierung ein wirksamer Ansatz zur Entlastung. Greifen Gesetze reibungslos ineinander, gewinnen Unternehmen Freiräume für intuitive Services, wovon die Kundschaft profitiert.
Um dies zu erreichen plädiert die Sparkassen-Finanzgruppe für praxisnahe Schritte:
- Kohärenz
Neue Regeln müssen sich widerspruchsfrei einfügen, um Doppelregulierungen zu vermeiden.
- Digital-Check
Gesetze sollten auf IT-technische Machbarkeit geprüft werden.
- Reallabore
Testräume („Regulatory Sandboxes“) helfen, Innovationen agil und rechtssicher zu erproben.
Ein stimmiger Rechtsrahmen schützt Verbraucherinnen und Verbraucher und stärkt die digitale Handlungsfähigkeit.

Der Experte
Sebastian Garbe
Als Leiter der Abteilung Digitalisierung im Deutschen Sparkassen- und Giroverband beschäftigt sich Sebastian Garbe vor allem mit Grundsatzfragen der Digitalisierung, wie z. B. der KI-Strategie für die Sparkassen-Finanzgruppe, der Analyse und Bewertung längerfristiger nationaler und internationaler technologischer Trends und Innovationen im Finanzsektor oder der Betrugsprävention und -bekämpfung sowie der Weiterentwicklung und Standardisierung der Instrumente der digitalen Sparkasse der Zukunft.
Stand: 28. Mai 2026