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„Altersvorsorgedepot und Frühstart-Rente sind hervorragende Türöffner zum Kapitalmarkt“

5 Fragen an ...
Die private Altersvorsorge bekommt neuen Rückenwind: Mehr Menschen interessieren sich für Wertpapiersparen, die Politik setzt neue Impulse. Wir sprachen mit Dr. Arne Hertel vom DSGV über diese Entwicklungen – und warum nun verständliche Angebote, gute Beratung und weniger Bürokratie entscheidend sind.
Interview mit

Dr. Arne Hertel

Leiter der Gruppe Kapitalmarktrecht im Deutschen Sparkassen- und Giroverband

Dr. Arne Hertel ist Leiter der Gruppe Kapitalmarktrecht im Deutschen Sparkassen- und Giroverband und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Retail Investment Strategy, der Kapitalmarktunion sowie der Markets in Financial Instruments Directive (MiFID). 

Herr Dr. Hertel, das Vermögensbarometer 2025 zeigt: Die Bereitschaft zur privaten Vorsorge steigt wieder – gleichzeitig bringt die Politik Reformen auf den Weg. Erleben wir ein neues Momentum für die Altersvorsorge? Was treibt diese Entwicklung?

Dr. Hertel: Haben wir ein Momentum? Ja! Das Wertpapiergeschäft ist seit einigen Jahren im Aufwind. Insbesondere die Anzahl von Wertpapiersparplänen hat erheblich zugenommen. Die Menschen machen sich heute mehr Gedanken um ihre finanzielle Zukunft und die Möglichkeiten der Geldanlage. Corona war sicherlich ein Treiber; ebenso haben ETFs und die sehr gute Entwicklung der Aktienmärkte das Thema Investieren in den Fokus gerückt – auch im Zusammenhang mit der Altersvorsorge.

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der Befragte des Vermögensbarometers 2025 geben an, schon etwas für die eigene Altersvorsorge getan zu haben oder planen dies. Das ist ein Plus von zwei Prozentpunkten gegenüber 2024.

Insofern freut es mich, dass sich die Politik endlich zu Reformen durchgerungen hat, noch dazu mit klarem Fingerzeig gen Kapitalmarkt. Das ist gut und richtig, denn auf lange Sicht hat sich der Kapitalmarkt für Anlegerinnen und Anleger als sehr lohnend erwiesen. Andere Länder, zum Beispiel Schweden, haben das schon vor Jahren erkannt.

Bleiben wir zunächst beim Altersvorsorgereformgesetz, das Ende März 2026 vom Bundestag beschlossen wurde. Wie bewerten Sie das Vorhaben und worauf kommt es nun in der Umsetzung an?

Dr. Hertel: Das Altersvorsorgereformgesetz ist zweifellos ein richtiger Schritt: Es fördert das langfristige Wertpapiersparen, ohne das enge „Riester-Korsett“ mit seinen Garantien und seiner Verrentungspflicht – diese Vorgaben haben das rentierliche Anlegen quasi unmöglich gemacht. Meine Hoffnung ist, dass sich mit dem Altersvorsorgedepot mehr Menschen mit den Chancen des Kapitalmarkts auseinandersetzen.

Dennoch: Das Vorhaben ist nicht perfekt. Vor allem den „Staatsfonds“, den der Gesetzgeber auf den letzten Metern aufgenommen hat, sehe ich außerordentlich kritisch. Der Staat greift damit unnötig in einen funktionierenden Wettbewerb ein. Statt sich selbst auf das Spielfeld zu begeben, sollte sich der Staat lieber auf seine Rolle als Schiedsrichter konzentrieren. Es droht eine klare Wettbewerbsverzerrung.

Zum geplanten "Staatsfonds" im Zuge des Altersvorsorgereformgesetzes:

"Statt sich selbst auf das Spielfeld zu begeben, sollte sich der Staat lieber auf seine Rolle als Schiedsrichter konzentrieren. Es droht eine klare Wettbewerbsverzerrung."

Dr. Arne Hertel, Leiter der Gruppe Kapitalmarktrecht im Deutschen Sparkassen- und Giroverband

Für uns als Sparkassen-Finanzgruppe heißt es nun, die PS auf die Straße zu bringen. Viele Kundinnen und Kunden werden von sich aus aktiv werden. Für sie müssen wir da sein, mit passenden Produkten und Beratungsangeboten. Andere wiederum werden wir abholen müssen, sie vom Sparen für das Alter – auch mit kleinen Beträgen – überzeugen, sodass sie den Schritt gen Kapitalmarkt wagen. Leider werden diese Kundinnen und Kunden in der öffentlichen Diskussion viel zu oft vergessen. Dabei sind gerade sie es, die wir zum Anlegen ermutigen müssen. Hier sehe ich die große Stärke der Sparkassen – regional verwurzelt, nah am Kunden und mit großem Vertrauen ausgestattet.

Im Gegensatz zum Altersvorsorgereformgesetz richtet sich die geplante Frühstart-Rente an die jüngste Generation der Sparerinnen und Sparer: Mit dem Vorhaben sollen Kinder und Jugendliche staatlich unterstützt werden, frühzeitig Geld anzusparen und von den Renditevorteilen eines langfristigen Wertpapierplans zu profitieren. Wie bewerten Sie diesen Ansatz und welche Chancen und Risiken sehen Sie? 

Dr. Hertel: Auch die Frühstartrente ist absolut begrüßenswert. Natürlich ist der geplante staatliche Zuschuss von 10 Euro im Monat nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber sie sind ein sehr guter Anfang und Anlass, sich frühzeitig mit der Altersvorsorge der Kinder zu beschäftigen.

Sehr erfreulich ist, dass es beim privatwirtschaftlichen Angebot die Möglichkeit gibt, zuzahlen: Wenn Eltern, Großeltern, Onkel und Tante noch etwas draufpacken, kann am Ende durchaus ein ordentlicher Grundstock entstehen. Positiver Nebeneffekt ist hoffentlich, dass sich neben den Eltern auch Kinder und Jugendliche frühzeitig mit dem Thema Geldanlage befassen und an der Entwicklung ihrer Frühstartrente sehen, dass der Kapitalmarkt durchaus Chancen eröffnet – ganz nach dem Motto „Lust auf mehr“. Finanzielle Bildung also gleich on top. 

Beide Vorhaben öffnen den Weg an den Kapitalmarkt. Auch für Menschen, die damit bislang wenig Erfahrung haben. Was bedeutet das für die Finanzberatung?

Dr. Hertel: Ich hoffe, dass die Themen Altersvorsorge und Anlage am Kapitalmarkt zukünftig auf noch mehr Interesse stoßen. In den letzten Jahren ist bereits viel passiert. Trotzdem gibt es noch viel Luft nach oben: Viele Kundinnen und Kunden sind nach wie vor skeptisch oder unsicher, sie sollten von der Notwendigkeit und den Chancen des Kapitalmarkts überzeugt werden.

Altersvorsorgedepot und Frühstartrente sind dafür hervorragende Türöffner. Aber dort darf es nicht enden, denn Geldanlage bedeutet nicht nur Sparen für das Alter. Die Sparkassen sind dafür genau der richtige Partner. Künstliche Intelligenz kann ein persönliches Gespräch nicht ersetzen – das gilt insbesondere für diejenigen, die sich nicht auskennen oder unsicher sind.

Reichen diese Reformen aus – oder braucht es weitere Schritte? Welche Impulse sollte die Politik jetzt setzen? 

Dr. Hertel: Das Altersvorsorgedepot und die Frühstartrente setzen zweifelsohne die richtigen Impulse. Wertpapiersparen staatlich zu fördern hat viele positive Effekte: Der Kunde sorgt für das Alter vor und nutzt die Chancen des Kapitalmarkts. Der Staat profitiert von einem gestärkten Kapitalmarkt, was wiederum der Realwirtschaft und der Transformationsfinanzierung dient.

Fakt ist aber auch, dass es für das Wertpapiergeschäft regulatorisch in den vergangenen Jahren nur eine Richtung gab: mehr Vorgaben! Jede erdenkliche Konstellation und Eventualität sollte genauestens geregelt werden. Das Ergebnis: Eine unsägliche Papierflut und das Gefühl der Kundinnen und Kunden, bevormundet zu werden. Das ist nicht Regulierung zum Schutz der Kundinnen und Kunden, sondern oftmals Regulierung an ihnen vorbei. 

"Für das Wertpapiergeschäft gab es regulatorisch in den vergangenen Jahren nur eine Richtung: mehr Vorgaben!"

Dr. Arne Hertel, Leiter der Gruppe Kapitalmarktrecht im Deutschen Sparkassen- und Giroverband

Foto von Wesley Tingey auf Unsplash

Mittlerweile hat sich der Wind jedoch gedreht. Die Last der Bürokratie ist allgegenwärtig – ein lähmender, die Wirtschaft erdrosselnder Faktor. Das wurde mittlerweile verstanden. Wichtig ist, dass den Rufen nach Bürokratieabbau nun Taten folgen – das gilt auch für das Wertpapiergeschäft.

 

Herr Dr. Hertel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Stand: 23. April 2026

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