
„Ein moderates Wirtschaftswachstum ist ein gutes Zeichen. Gleichzeitig bleibt der Aufschwung fragil. Ein erheblicher Anteil kommt aus staatlichen Sonderausgaben – und damit aus einer Sonderkonjunktur, die strukturelle Probleme nicht löst“, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Ulrich Reuter.
Erste Effekte des Finanzpakets für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie der Mehrausgaben für Verteidigung zeigten sich bereits. „Im laufenden Jahr könnten 0,4 Prozentpunkte des erwarteten BIP-Wachstums darauf zurückgehen, im kommenden Jahr könnte es ein halbes Prozent sein“, sagte Timo Plaga, Chefvolkswirt der Sparkasse Hannover, der mit neun weiteren Chefvolkswirtinnen und Chefvolkswirten die Berechnungen und Analysen für die Prognose angestellt hat.
Reuter stellte die Konjunkturprognose in einen internationalen Kontext: „Das Jahr 2026 wird zu einem entscheidenden Wendepunkt. Die Krisenherde in der Welt werden nicht weniger. 2026 wird zeigen, ob künftig das Recht des Stärkeren gilt, oder die internationale Zusammenarbeit eine Chance behält.“ Deutschland brauche neue Partnerschaften, das Mercosur-Abkommen sei hierfür ein wichtiger Schritt und ließe eine Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern entstehen. Das drohende Scheitern sei deshalb ein herber Schlag. „In diesen Zeiten braucht es Zeichen der europäischen Handlungsfähigkeit. Deshalb wäre es richtig, das Abkommen vorläufig anzuwenden“, so Reuter.
Neben den Unsicherheiten in der Welt gebe es hausgemachte Standortprobleme, so Reuter. Entscheidend seien deshalb jetzt Strukturreformen: bürokratische Hemmnisse müssten abgebaut, Verwaltung digitalisiert und Genehmigungsprozesse deutlich beschleunigt werden. Gleichzeitig müsse die Infrastruktur fit für die Zukunft gemacht werden – marode Straßen und Brücken sowie veraltete Energie- und Kommunikationsnetze bremsten Unternehmen und könnten zum Sicherheitsrisiko werden. Investitionen in eine moderne und resiliente Infrastruktur erforderten dabei die Kombination aus öffentlichen und privaten Kapitalquellen.
Die Grundlagen für einen starken Wirtschaftsstandort seien vorhanden: Die Inflation ist zuletzt auf 1,8 Prozent gesunken, die deutsche Industrie meldete ein Auftragsplus von 5,6 Prozent, und auch bei Gründungen gibt es Rückenwind. 2025 war ein Rekordjahr mit 3.568 neuen Start-Ups (+29 Prozent gegenüber 2024).
Chancen sieht die Sparkassen-Finanzgruppe für die deutsche Wirtschaft außerdem im europäischen Binnenmarkt, insbesondere vor dem Hintergrund von Diskussionen über globale Zölle und Handelsbeschränkungen. Plaga: „Der europäische Binnenmarkt gewinnt an Bedeutung, gerade wenn globale Partnerschaften zunehmend in Frage gestellt werden. Es ist eine ermutigende Entwicklung, dass die Exporte in andere Euro-Länder bis November vergangenen Jahres um 3,9 Prozent gegenüber dem Jahr 2024 gestiegen sind.“